Kann Martin Schulz die Krise der Sozialdemokratie lösen?

Seit dem 24. Januar präsentieren ihn bundesdeutsche Medien als neuen Hoffnungsträger der krisengeschüttelten SPD – entstanden wie Phönix aus der Asche

Jener Vogel aus der altgriechischen Mythologie, der am Ende seines Lebens­zyklus verbrennt. Nach dem Erlöschen der Flamme bleibt ein Ei zurück, aus dem kurze Zeit später ein neuer Phoenix schlüpft – statt eines wunderschönen Vogels diesmal allerdings ein Martin Schulz. Die Inthroni­sation von Martin Schulz als Kanzlerkandidat der SPD war ein medial inszenierter Paukenschlag. Er blieb nicht ohne Wirkung. Plötzlich steigt die SPD in den Meinungsumfragen um neun Prozentpunkte nach oben. Der Landesverband NRW meldet für Januar 1000 Mitgliedswünsche.

Unübersehbar ist allerdings auch – bis in die SPD-Mitgliedschaft hinein – die nüchterne Einschätzung, dass ein paar markige Sprüche die Erwartungen der Masse der Menschen nicht erfüllen werden.

Bevor Ende Januar, wie geplant, die Entscheidungsgremien der SPD über den Kanzlerkandidaten beraten konnten, präsentierte Sigmar Gabriel ihn bereits: Martin Schulz. Und für die staunende Partei gab es damit nicht nur einen Kanzlerkandidaten, sondern auch gleich den kommenden Parteivorsitzenden. Ganz nebenbei wurden noch drei Ministerien umbesetzt. So etwas entscheiden die Strategen der Parteispitze im Hinterzimmer – wie selbstverständlich an allen Parteigremien vorbei. Demokratische Diskussion oder gar Aufarbeitung der tiefen Parteikrise? Der Bedarf danach tendiert gegen null.

Dabei gäbe es einiges zu diskutieren: Seit 1990 hat die SPD eine halbe Million Mitglieder verloren, von 943.402 auf 442.814. Bei der Bundestagswahl 1998 erreichte sie noch 40,9 Prozent, während sie in Umfragen der letzten Zeit zeitweise unter 20 Prozent rutschte.