Rote Fahne 13/2017

Auf dem Weg zum Roten Oktober

Ein Putsch der von Lenin geführten Bolschewiki, losgelöst von den Volksmassen. So stellt die bürgerliche Seite immer wieder die russische Oktoberrevolution von 1917 dar¹

Auf dem Weg zum Roten Oktober
1917: Streik bei den Petrograder Putilow-Werken – Klassenauseinandersetzung im Vorfeld der Oktoberrevolution

Der Akt der Machtergreifung, die Durchführung des bewaffneten Aufstands wird dazu als isolierte Aktion geschildert, ganz so, als sei er aus dem Nichts entstanden. In Wirklichkeit handelte es sich um das folgerichtige Ergebnis eines revolutionären Prozesses und den Erfolg der richtigen Politik der Revolutionäre.

 

Nachdem das Regime des Zaren durch die bürgerlich-demokratische Februarrevolution 1917 gestürzt worden war, entbrannte die Auseinandersetzung um den weiteren Weg: Sollte in einer bürgerlichen Republik unter Führung der Kapitalistenklasse die Zukunft liegen, wie dies die rechten Sozialdemokraten (Menschewiki) und die kleinbürgerlichen Sozialrevolutionäre (Bauernpartei) befürworteten? Oder sollte es weitergehen zur Errichtung einer Arbeiterrepublik, zum Sozialismus, wie es die Bolschewiki anstrebten?

 

Schon in der Revolution von 1905 hatte Stalin den Menschewiki entgegengehalten:„Die Bolschewiki dagegen sagen: Allerdings ist unsere Revolution eine bürgerliche, aber das bedeutet durchaus nicht, dass sie eine Wiederholung der französischen Revolution ist, dass sie unbedingt von der Bourgeoisie geführt werden muß … Bei uns … stellt das Proletariat eine verhältnismäßig klassenbewusstere und organisiertere Kraft dar, weshalb es sich nicht mehr mit der Rolle eines Anhängsels der Bourgeoisie begnügt und als die revolutionärste Klasse an die Spitze der heutigen Bewegung tritt. Die Hegemonie des Proletariats ist keine Utopie, sie ist eine lebendige Tatsache …“² Durch Lenins Analysen der Entwicklung des Imperialismus in den Jahren 1915–16 war zudem deutlich geworden, „daß der Sieg des Sozialismus durchaus möglich ist in einzelnen Ländern, wo der Kapitalismus den Höhepunkt seiner Entwicklung noch nicht erreicht hat und das Proletariat nicht die Mehrheit der Bevölkerung bildet“³.

 

Die vorherrschende Meinung im In- und Ausland war 1917 jedoch, dass Russland vor allem ökonomisch zu rückständig für den sozialistischen Aufbau sei und sich zunächst der Kapitalismus entwickeln müsse. Eine „linke“ Variante dieser Auffassung wurde von Leo Trotzki vertreten: Er befürwortete zwar die Revolution. Jedoch ging er davon aus, dass der nachfolgende Aufbau des Sozialismus allein in Russland unmöglich sei und den Erfolg der Revolution in den westeuropäischen Ländern zur Vorbedingung haben müsse.

 

Die politische Situation nach der Februarrevolution war von einer Doppelherrschaft geprägt: Die bewaffneten Räte der Arbeiter und Soldaten („Sowjets“) und die Provisorische Regierung teilten sich die Macht. Die Bolschewiki, die bis dahin verboten und verfolgt waren, befanden sich mit ihrer Politik in der Minderheit. Sie wandten sich gegen die bürgerliche Regierung und forderten: Alle Macht den Sowjets! Vom 3. bis 24. Juni 1917 fand in Petrograd der Erste Gesamtrussische Sowjetkongress der Arbeiter- und Bauerndeputierten statt. Es kamen 822 stimmberechtigte Delegierte zusammen, zusätzlich 268 mit beratender Stimme. Sie vertraten 53 Gebiete Russlands und 34 militärische Bereiche. Unter den 777 Delegierten, die Angaben zu ihrer Parteizugehörigkeit machten, waren 290 Menschewiki, 285 Sozialrevolutionäre und 105 Bolschewiki. Die wichtigsten inhaltlichen Punkte der Beratungen betrafen die revolutionäre Demokratie, das Verhältnis zum Krieg, die nationale Frage und die Boden- und Lebensmittelfrage.

 

Menschewiki und Sozialrevolutionäre rechtfertigten ihre Unterstützung der bürgerlichen Regierung. Sie lehnten mit ihrer Mehrheit die von Lenin vorgetragene Resolution ab, die den Übergang der gesamten Staatsmacht an die Sowjets forderte. Ebenso weigerten sie sich, sofort den Krieg einzustellen – wie von den Bolschewiki und der überwiegenden Mehrheit der russischen Bevölkerung gefordert. Menschewiki und Sozialrevolutionäre verboten sogar eine für den 10. Juni geplante Massendemonstration für diese Forderungen. Stattdessen beschloss man Demonstrationen zum Gedenken an die Opfer der Februarrevolution am 18. Juni. Doch die rechten Kräfte hatten die inzwischen angewachsene Unzufriedenheit der Massen mit der Regierung unterschätzt: Die Demonstration verlief unter bolschewistischen Losungen und bewirkte eine Stärkung der revolutionären Kräfte!

 

Die positive Bedeutung des Kongresses lag in der Vereinigung der Sowjets im Landesmaßstab. Inhaltlich machte er das Ausweichen von Menschewiki und Sozialrevolutionären vor der Revolution und ihren Gegensatz zu den Wünschen und Forderungen der Massen deutlich. Damit bereitete er den Weg der Bolschewiki zum Roten Oktober!