Rote Fahne 15/2017

Faszination Tour de France

Was macht die massenhafte Begeisterung aus?

Von Stuttgart (Korrespondenz)
Faszination Tour de France
Tour de France 2017 (Foto: Marc / CC BY-NC-ND 2.0)

Die Tour scheint – besonders in Frankreich – trotz Dopings eine große Ausstrahlung zu haben. Die „Große Schleife“ gibt es seit 114 Jahren. So eine lange Tradition haben nur noch die Olympischen Spiele!

 

Die Tour ist fester Bestandteil der französischen Sportkultur und sozusagen „Nationalgut“. Die Franzosen wachsen von klein auf mit der Tour auf. Sie findet immer in den Sommerferien statt, wo ganz Frankreich Urlaub macht. Ganze Familien sitzen am Straßenrand auf Campingstühlen, picknicken und schauen jubelnd dem vorbeisausenden Radspektakel zu. Und dabei werden die entlegensten Gegenden erreicht, Hunderte kleine Dörfer, in denen die Zuschauer niemals die kostenlose Gelegenheit zu solch einem Sportevent bekommen würden. Überall auf dem Straßenbelag sind die Namen der jeweiligen favorisierten Rennfahrer zu lesen.

 

Historische Bedeutung

Drei Wochen lang beschäftigt die Tour alle Medien in Frankreich. Auf den vielen kleinen Landstraßen des großen Flächenlandes trifft man das ganze Jahr über – besonders an Wochenenden – Rennfahrergruppen, die ihren Freizeitsport betreiben. Der Radsport hat hier einfach eine historische Bedeutung. Die ganz harten Radsportfans verfolgen den Tourverlauf in ihrem Urlaub mit dem eigenen Rennrad, Auto oder Wohnmobil. Sie campen an den Berganstiegen, grillen, feiern und lernen andere Menschen kennen.

 

Mannschaft statt Einzelkämpfer

Das Faszinierende an der Tour ist der Radsport selbst mit seinen vielen Facetten, die an jedem Etappen-Tag die Spannung hochhalten. Nur mit einer harmonischen Mannschaftsleistung können die Spitzenfahrer einen Erfolg erreichen! Dabei erhält jeder Fahrer seine besondere Rolle innerhalb des Teams. Es sind einfach die vielen Unwägbarkeiten in den verschiedenen Etappenarten: Flachetappen, Bergetappen und Zeitfahren. Der Mut zu Ausreißversuchen aus dem Fahrerfeld findet immer wieder die große Sympathie der Zuschauer.

 

Training und Wille statt Doping

Jeder, der schon einmal auf dem Rennsattel gesessen hat, kann diesen Sport nachempfinden und die großartigen Leistungen der Spitzensportler schätzen. Denn eines ist klar, der Weg zu den 200 besten Radprofis der Welt führt nur über ein besonderes Talent, einen enormen Trainingsfleiß und eine starke Willensleistung von klein an. Diese Eigenschaften sind nicht mit Doping erreichbar! Doping wird erst im Spitzensport der Radprofis „sinnvoll“. Denn erst dann geht es um das große Geld und den Marktwert. Die Dopingskandale im Profiradsport der letzten 40 Jahre haben den ehrlichen Radsportlern enorm geschadet. Dabei spielt heute Doping mehr oder weniger in allen Spitzensportarten eine Rolle! Die sehr engmaschige Dopingkontrolle im Radsport wirkt zwar abschreckend, wird aber das Dopingproblem nicht aus der Welt schaffen.

 

Es bleibt nur zu hoffen, dass die neue deutsche Radprofigeneration, wie sie selbst bekundet, tatsächlich dopingfrei fährt, sofern sie das unter dem Druck ihrer Geldgeber noch kann …?