Rote Fahne 20/2017

Palästina: „Wie Gefangene im ­eigenen Land“

Ibrahim Ibrahim ist Vorsitzender des Demokratischen Komitees Palästina. Diese Organisation ist Mitglied im Internationalistischen Bündnis, hat sich am Wahlkampf beteiligt, einen in einigen arabischen Medien viel beachteten Kandidaten aufgestellt und ruft zur Wahl der Internationalistischen Liste/MLPD auf. Die Rote Fahne sprach mit ihm über die Entwicklung in Palästina und die Rolle der Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP)

Von Redaktion
Palästina: „Wie Gefangene im ­eigenen Land“
Mauern durch Israel - Palästinenser sind Gefangene im eigenen Land

Rote Fahne: Wie ist die Entwicklung in Palästina? UN-Generalsekretär Antonio Guterres hat kürzlich den Gaza-Streifen besucht und war entsetzt, wie dramatisch und entwürdigend die Menschen hier Leben müssen …

 

Ibrahim Ibrahim: Wir werden wie Gefangene behandelt im eigenen Land. Wir erleben dazu eine anhaltende Kriminalisierung bis hin zu Verhaftungen. Allein Mitglied in der PFLP zu sein, bedeutet acht Jahre Haft. Aus reiner Willkür, ohne dass überhaupt ein Vorwurf formuliert wird. Es gibt auch keine Gerichtsverhandlung. Die Verhaftungen gehen von der israelischen Regierung aus, mit aktiver Unterstützung der Palästinensischen Autonomiebehörde.

 

Hat das aktuell zugenommen?

 

Das ist ein schon länger anhaltender Trend. Neu ist, dass die PFLP in Verbindung mit der MLPD in verschiedenen Zeitungen und Publikationen genannt wird, in Arabisch, Englisch und der hebräischen Sprache. Die PFLP hat sich dazu in einer Erklärung klar positioniert.1

 

Wenn es im Fernsehen um die PFLP geht, sieht man immer Bilder von der „Landshut“-Flugzeugentführung und von Mordanschlägen auf unschuldige Menschen …

 

Solche Aktionen wie Flugzeugentführungen zielten in den 1970er-Jahren darauf ab, in der Weltöffentlichkeit und den Medien überhaupt Gehör zu finden. Bei diesen Aktionen sind niemals Menschen zu Schaden gekommen, was auch erklärtes Ziel war. Anschläge auf Unbeteiligte lehnt die PFLP grundsätzlich ab.

 

Sie nimmt sich aber heraus, sich gegen die israelischen Besatzungstruppen zu verteidigen und diese auch zu bekämpfen. Das ist etwas ganz anderes. Unser Land ist besetzt, und die arabische Bevölkerung wird vertrieben. Das kann man doch nicht gutheißen?

 

Außerdem wurde die PLO von der deutschen Regierung wie von vielen anderen Regierungen als legitime Vertretung des palästinensischen Volkes anerkannt. Sie ist aber ein Zusammenschluss verschiedener Kräfte. Dazu gehört die PFLP als zweitstärkste Kraft nach der Fatah. Wenn man die PLO anerkennt, muss man auch die PFLP anerkennen.

 

Ein weiterer Vorwurf ist, die PFLP würde – wie die Hamas – das Existenzrecht Israels nicht anerkennen und sei „antisemitisch“ …

 

Das ist Blödsinn. Ein Kampf gegen Israel und die Menschen, die hier leben, wäre ein Kampf gegen uns selber. Wir treten für einen palästinensischen Staat bzw. für ein Land ein, in dem Christen, Araber sowie Juden und andere Gruppen in Frieden zusammenleben. Tausende Jahre haben wir hier zusammengelebt. Unser Ziel ist, dass dies ein sozialistischer Staat sein sollte. Außerdem sind wir selbst Semiten, genau wie die Juden. Daher ist der Vorwurf grundsätzlich falsch, dass wir Antisemiten seien oder gegen „die“ Juden.

 

Vielen Dank für das Gespräch!

 

 

1 Auf www.rf-news.de