Rote Fahne 22/2017

Martin Luther & Thomas Müntzer oder Die Einführung der Buchhaltung

Premiere hatte das gleichnamige Stück von Dieter Forte am 15. September im Alten Schauspielhaus in Stuttgart

Von Peter Borgwardt
Martin Luther & Thomas Müntzer oder Die Einführung der Buchhaltung
Martin Luther und Thomas Müntzer, Fotos: historisch/gemeinfrei

Bis zum 21. Oktober finden tägliche Aufführungen statt, außer sonntags. Aktueller Anlass ist das Ende des „Luther-Jahres“.

 

Das Stück wurde bereits 1970 geschrieben und machte damals Furore – besonders wegen seiner Kapitalismus-Kritik. Heute sprechen manche Kritiker vorsichtig von einer etwas ungewohnten Sicht auf Luther. Die Handlung verläuft über die Jahre 1514 bis 1525.

 

Gespielt wird in rasantem Tempo: 60 kurze Szenen in zweieinhalb Stunden! Langeweile kommt dabei kaum auf. Wortwitz und Spannung, wie auch die engagierte Spielweise der Theaterleute – oft mit mehreren Rollen betraut – halten einen von Anfang an in Atem.

 

Kapitalismus-kritisch ist das Stück in jedem Fall. Die Macht-Intrigen und Kriege der herrschenden Kaiser, Päpste und Fürsten werden gezeigt, im Hintergrund der (in heutiger Währung) milliardenschwere Geldverleiher Jakob Fugger aus Augsburg. Er finanziert sie alle, macht einen jeden über Schulden von sich abhängig, und zieht an den entscheidenden Fäden.

 

Auch Luther (gespielt von Thomas Henninger von Wallersbrunn) kommt in seiner unterwürfigen Haltung gegenüber den Fürsten, insbesondere dem Kurfürsten von Sachsen, in aller Deutlichkeit zum Vorschein. Als Gegenpart kann man Thomas Müntzer (Jörg Pauly) bewundern, der sich an die Spitze der aufständischen Bauern stellt – und dafür hingemordet wird.

 

Das eigentliche Buch der Bücher – so die Botschaft – ist gar nicht die Bibel, die eher als theologischer Schnickschnack erscheint. Das wirklich wichtige Buch ist das Geschäftsbuch inklusive der doppelten Buchführung, damals erfunden und bis heute gültig: Soll und Haben, Gewinn und Verlust!

 

Luther nimmt bei alledem lediglich die Rolle des Spielballs und opportunistisch Reagierenden ein, er dient im Grunde allen herrschenden Fraktionen: dem Papst in Rom, Kaiser Karl dem V., Kurfürst Johann von Sachsen usw. Die Eliten aus Wirtschaft und Politik bedienen sich seiner religiösen Thesen, verbrämen damit ihre eigensüchtigen Machenschaften – und fahren gut damit. Vor 500 Jahren sei es so gewesen – und heute stünden wir wieder dort, nur dass der Kapitalismus inzwischen noch globaler und ausbeuterischer geworden ist. So lautet die Schlusssequenz.

 

Bei aller berechtigten und zuweilen fast kabarettreifen Kapitalismus-Kritik bleibt allerdings die Ideologiekritik ziemlich flach. Der Luther-Verriss dergestalt, als habe der Reformator keinerlei Verdienste, und als sei nur Thomas Müntzer als Revolutionär der zu feiernde Held, gerät dann doch etwas einseitig und undialektisch. Luthers mutiger Kampf gegen das Papsttum (Der „Antichrist“ sitzt in Rom!) und wider das mit höchstkatholischem Segen inszenierte Supergeschäft der betrügerischen Sündenvergebung („Ablasshandel“), ebenso seine Bibelübersetzungen und Fortschritte bei der Formung und Weiterentwicklung der deutschen Sprache bleiben ausgeblendet oder erscheinen lediglich am Rande.

 

Im Kern wird vertreten, dass mehr oder weniger alles, was Luther an Ideen hervorbrachte, schon vorher dagewesen war. Nur weil die Mächtigen ihn gerade gut gebrauchen konnten und ihm zum Beispiel den Lehrstuhl in Wittenberg zur Verfügung stellten, hätte er überhaupt solch eine Wirkung erzielen können.

 

Auch wenn Luther im Laufe seines Lebens oftmals seine Standpunkte veränderte und zunehmend reaktionärer auftrat, nicht nur gegen die Bauern hetzte, sondern auch gegen die Juden, sind seine Verdienste zum Beginn der Neuzeit und der Entstehung des Kapitalismus eine historische Tatsache. Gerade auch bezüglich des Aufbruchs von Wissenschaft, Philosophie, Volksbildung und Kultur – und nicht zuletzt hinsichtlich der Förderung eines neues Selbstbewusstsein unter den Menschen.

 

Die Errungenschaften der Reformation zu würdigen und im Wechselverhältnis damit ihre reaktionären Seiten aufzudecken und bis in die heutige Zeit weiterzuverfolgen, bleibt somit als Herausforderung bestehen. In Verbindung mit einer kritisch-schöpferischen Verarbeitung kann das Stück aber durchaus einen Beitrag dazu leisten.