Rote Fahne 23/2017

Oktoberrevolution – Sozialismus ist möglich!

Die revolutionäre Weltorganisation ICOR führt 2017 eine Kampagne durch zu „100 Jahre Oktoberrevolution“. Ein Höhepunkt ... war das internationale Seminar – gemeinsam mit der Internationalen Konferenz marxistisch-leninistischer Parteien und Organisationen (IKMLPO) – zu den theoretischen und praktischen Lehren dieser ersten, bahnbrechenden sozialistischen Revolution

Von (jw / rh)
Oktoberrevolution – Sozialismus ist möglich!
Szene aus der Revue zu 100 Jahre Oktoberrevolution (Foto: RF)

Über 1000 Menschen aus mindestens 46 Ländern, Mitglieder und Repräsentanten von über 60 Organisationen diskutierten vom 27. bis 29. Oktober in Bottrop die Lehren aus der Oktoberrevolution. Die „Oktoberrevolution war ein Putsch von Extremisten gegen eine demokratische Regierung“, schreibt die Westdeutsche Zeitung (WZ) am 20. Oktober. Dass diese angeblich demokratische Regierung gegen den Willen der eigenen Bevölkerung das Weltkriegsgemetzel fortsetzte, liest man in der WZ nicht. Ebenso wenig, dass sich nichts änderte an der Leibeigenschaft, der Hungersnot und am Elend von Millionen Bauernfamilien. So ist es denn auch kein Wunder, dass auf dem Seminar ein ganz anderes Bild der Oktoberrevolution entstand: ein würdigendes, zukunftsweisendes und ermutigendes!

 

Befreiung von kapitalistischer Ausbeutung und Unterdrückung ist möglich

 

Mitten im Massengemetzel des Ersten, imperialistischen Weltkriegs hatten die Bolschewiki mit der Losung „Krieg dem imperialistischen Krieg“ begonnen, die revolutionären Kräfte in allen Ländern zu sammeln.

 

Nach dem Sturz des Zaren im Februar 1917 übernahm in Russland die Bourgeoisie die Regierung – nach Lesart der WZ eine „demokratische Regierung“. Doch es zeigte sich bald, dass auch diese neue Regierung imperialistische Ziele hatte. Sie dachte nicht im Traum daran, den Krieg zu beenden. Die Position der Bolschewiki war: „Schluss mit dem imperialistischen Krieg, für Boden und Arbeiterkontrolle – dafür ist die sozialistische Revolution gegen die Bourgeoisie nötig“. Nach Monaten gründlicher Überzeugungsarbeit hatten die Bolschewiki im September 1917 die Mehrheit in den demokratisch gewählten Sowjets erobert. Sowjets, das waren die Räte der Arbeiter und Soldaten, dann der Bauern. Von den 649 registrierten Kongressdelegierten des 2. Allrussischen Sowjetkongresses im Oktober 1917 waren 390 Bolschewiki. Gegen den Aufruf zur Machtübernahme stimmten nur zwei Delegierte, 12 enthielten sich. Eisenbahnerstreiks, Bauernaktionen zur Besetzung von Gutsbesitzerland, Unruhen unter den Soldaten prägten das Land. Die Arbeiterinnen und Arbeiter riesiger Betriebe wie der Putilow-Werke waren mit ihren Massenaktionen direkt an der Revolution beteiligt. Die entscheidende Mehrheit der Arbeiterklasse war für den Sozialismus gewonnen. Zielstrebig gingen die Bolschewiki an die Vorbereitung und Durchführung des bewaffneten Aufstands. Mit dem Sturm auf das Winterpalais wurde die provisorische Regierung gestürzt. Der Petrograder Sowjet übernahm die Staatsmacht.

 

Die gewaltigen internationalen Auswirkungen beschreibt Monika Gärtner-Engel, Hauptkoordinatorin der ICOR: „Die Oktoberrevolution war das Signal an die Arbeiter, an die Bauern, an die Frauen, an die Jugend der Welt: Es ist möglich, den Imperialismus zu besiegen, es ist möglich, den Sozialismus aufzubauen. Trotz des erbitterten Widerstandes aller imperialistischen Kräfte, ist dieses große Gemeinschaftsprojekt, diese revolutionäre, mutige, kühne Bewegung erfolgreich gewesen.“1

 

Aber der Imperialismus wollte Russland nicht aus den Klauen lassen. 14 imperialistische Interventionsmächte schickten Truppen zur Niederschlagung der Oktoberrevolution und zur Unterstützung der Konterrevolution. Bis 1922 dauerte der Bürgerkrieg. Er kostete Millionen Opfer. Perfide schiebt die antikommunistische Propaganda die Verantwortung für diese Toten den Bolschewiki in die Schuhe. Trotz dieses Riesenkampfs gelang es, Kampagnen zur Alphabetisierung und für ein kostenloses Gesundheitswesen anzupacken. Die Elektrifizierung des Landes, vor allem mit Wasserkraft, wurde vorangetrieben. „Unter den Frauenmassen wurde ein Delegiertensystem zur praktischen Teilnahme an Staatsverwaltung und Politik geschaffen, das 1930 über eine Million Frauendelegierte umfasste“, berichteten Frauen auf dem Seminar in Bottrop. „Im Durchschnitt hatten fünf bis fünfundzwanzig Fabrikarbeiterinnen und fünfzig bis hundert Hausfrauen oder Dorffrauen eine eigene ‚Delegatka‘. Ihre Tätigkeit erstreckte sich auf alle Gebiete des öffentlichen Lebens: Errichtung von Kinderkrippen, Bekämpfung der Kindersterblichkeit, Hebung der sanitären Verhältnisse, Veranstaltung von Kursen, Gründung von Lesezirkel zur Überwindung des Analphabetentums, Bekämpfung der Trunksucht und der Vorurteile veralteter Lebensformen. Unter den Frauen der mohammedanischen Republiken leistete die Frauenabteilung eine umfangreiche Kultur- und Aufklärungsarbeit.“

 

Ohne Revolution kein Sozialismus

 

Für Lenin, der an der Spitze der Bolschewiki stand, war die Einheit von Theorie und Praxis entscheidend: „Ohne revolutionäre Theorie kann es auch keine revolutionäre Bewegung geben.“ So hatte er zwei Monate vor der Oktoberrevolution die berühmte Schrift „Staat und Revolution“ fertig gestellt: Die Machtfrage muss geklärt sein. Nur wenn durch die sozialistische Revolution der bürgerliche Staat zerschlagen wird, kann eine sozialistische Gesellschaft aufgebaut werden – die Diktatur des Proletariats.

 

Die Jugend spielte eine entscheidende Rolle als praktische Avantgarde der Revolution: Die Soldatenräte bestanden mehrheitlich aus jungen Leuten. Die Hälfte aller Mitglieder des Kommunistischen Jugendverbands (Komsomol) verteidigte im Bürgerkrieg in der Roten Armee den Sozialismus. Eine Ahnung dieses Enthusiasmus bekamen die Gäste des Kulturfestes „100 Jahre Oktoberrevolution“ mit der Revue unter Mitwirkung Dutzender Jugendlicher und Kinder vom Jugendverband REBELL und der Kinderorganisation Rotfüchse.2

 

„Mit der Oktoberrevolution vor 100 Jahren verwirklichte sich ein Jahrtausende alter Traum aller Ausgebeuteten und Unterdrückten“, so Gabi Fechtner, die Vorsitzende der MLPD, in ihrer Rede auf dem Kulturfest. „In den letzten 5000 Jahren Klassenherrschaft war und ist der Menschheitstraum einer von Ausbeutung und Unterdrückung befreiten und gerechten Welt immer gegenwärtig und nie totzukriegen. … Und dann kam der Oktober 1917!“

 

Die Revolution musste und muss bewusst und hochorganisiert durchgeführt werden. Es gibt keine Revolution ohne oder gegen die Massen der Werktätigen. Solange im Klassenkampf noch eine nicht­revolutionäre Situation besteht, gilt es, den Kampf um Reformen als Schule des Klassenkampfes zu führen, die revolutionäre Partei und ihren Jugendverband aufzubauen und zu verankern. Denn das kapitalistische System verschwindet nicht von selbst, noch bricht es gar von selbst zusammen. Es muss unter Führung der Arbeiterklasse, im Bündnis mit den Volksmassen, revolutionär beseitigt werden. In einer revolutionären Situation ist das Bestehen einer kampferprobten, marxistisch-leninistischen Partei entscheidend für den Sieg der Revolution. Über diese Fragen wurde in Bottrop leidenschaftlich in über 200 Redebeiträgen beraten.

 

Nicht zuletzt die Ereignisse beim G20-Gipfel im Juli in Hamburg haben gezeigt, dass anarchistische und spontaneistische Konzepte keine Perspektive bieten – besonders angesichts eines hochgerüsteten imperialistischen Gewaltapparats. Arbeiterinnen und Arbeiter, darunter Stahlarbeiter aus Deutschland und Bergarbeiter aus Peru, positionierten sich für die fortschrittlichen Lehren des Roten Oktober.

 

2017 ist nicht 1917

 

1916, als Lenin seine Analyse „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“ fertig stellte, gab es unter den wenigen kapitalistischen Ländern erst sechs imperialistische Großmächte. Die große Mehrheit der Menschen lebte 1917 in Kolonien oder Halbkolonien. Heute gibt es über 200 Länder, und nahezu alle sind vorherrschend kapitalistisch. Neue imperialistische Länder entstanden, sodass heute 66 Prozent der Weltbevölkerung in den imperialistischen Ländern leben. Neue Imperialisten wie China, Indien, die Türkei, Russland und weitere drängen nach einer Neuaufteilung der Welt oder von Regionen. Auch die EU, mit dem deutschen Imperialismus an der Spitze, mischt in diesem Ringen mit. Über diese Entwicklung wurde kontrovers, aber weitgehend solidarisch gestritten. Aber vor allem unterstrich das Seminar in seiner Schlussresolution, dass es unbedingt notwendig ist, „sich international über die dringendsten theoretischen Fragen zu vereinheitlichen, wenn eine dem Imperialismus überlegene Kraft aufgebaut werden soll.“ 

 

Die bürgerlichen Medien benutzen das Jubiläum zu 100 Jahre Oktoberrevolution, um ihre antikommunistische Hetze zu steigern, besonders gegen die führenden Köpfe der Bolschewiki, Lenin und Stalin. Das Motiv liegt auf der Hand: Mehr Menschen suchen nach einer Alternative zum Kapitalismus. Da sollen sie gar nicht erst auf die Idee kommen, dass der echte Sozialismus die Lösung ist für die gesellschaftlichen Probleme und Krisen des Kapitalismus. Stefan Engel, ehemaliger Vorsitzender der MLPD und von den Organisatoren als Leiter des Seminars bestimmt, spann in einem Beitrag den Bogen zur aktuellen Situation um die rassistische und ultrareaktionäre AfD: „Die AfD hat sich schnell an die Spitze der antikommunistischen ‚Linksextremismus-Kampagne‘ der bürgerlichen Parteien gestellt und das Verbot der MLPD gefordert. Die Faschisten, die sich in Deutschland jahrzehntelang verleugneten, treten wieder offen hervor und wittern Morgenluft. In einer solchen Situation ist es besonders wichtig, nicht nur einen Kampf gegen die faschistische Gefahr zu führen, sondern auch verstärkt die Perspektive des echten Sozialismus unter den Massen zu propagieren. Der 100. Jahrestag der Großen Sozialistischen Oktober­revolution gibt … die Möglichkeit, eine breite Diskussion über die Lehren dieses Ereignisses zu führen und die sozialistische Idee besser kennenzulernen.“

 

Chancen viel günstiger

 

Jeder Tag der imperialistischen Wirklichkeit liefert neue Argumente für eine sozialistische Alternative: „815 Millionen Menschen leiden an Hunger – auch diese Zahl hat in den letzten Jahren wieder enorm zugenommen. Das Millenniumsziel der UN, den Hunger abzuschaffen, ist gnadenlos gescheitert. Während die Arbeitsproduktivität und der Reichtum der Menschheit voranschreiten, spitzt sich der Gegensatz von Arm und Reich zu: Acht Männer besitzen heute mehr als die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung“, so Gabi Fechtner in ihrer Rede. 65 Millionen Flüchtlinge sind es inzwischen, die ihre Heimat verlassen müssen – fast alle Fluchtursachen wie Kriege, Hunger, Zerstörung lassen sich in einem Wort zusammenfassen: Imperialismus.

 

Gleichzeitig hat die Wissenschaft und Technik einen so hohen Stand erreicht, dass die Menschheit – in Würde und Einheit mit der Natur – mit ausreichend Nahrung, Kleidung, Wohnungen, Transportmitteln versorgt werden kann. Der Sozialismus ist durch die Entwicklung der modernen Produktivkräfte materiell allseitig vorbereitet – allen voran das internationale Industrieproletariat mit hohem Kulturniveau und Schöpferkraft. Oft haben Arbeiter in den internationalen Monopolbetrieben weltweit die gleichen Fertigkeiten und müssen die gleichen Anforderungen erfüllen. Streiks haben oft internationale Auswirkungen. Heute gibt es ungleich bessere Voraussetzungen wie zur Zeit der Oktoberrevolution. Allein die Profitgier des allein herrschenden internationalen Finanzkapitals verhindert, dass diese Errungenschaften dem gesellschaftlichen Fortschritt zu gute kommen.

 

Die antikommunistische Propaganda zieht ihre Nahrung vor allem daraus, dass in allen ehemals sozialistischen Ländern der Sozialismus zerstört und der Kapitalismus restauriert wurde. Ausgehend vom XX. Parteitag der KPdSU in der Sowjetunion 1956 hat eine Schicht kleinbürgerlicher Bürokraten sich zur herrschenden Klasse aufgeschwungen und die Macht übernommen. Mit der Lehre von der Denkweise hat die MLPD eine wesentliche Schlussfolgerung gezogen: Mit ihr kann heute in der Partei und später im Sozialismus die Gefahr durch die kleinbürgerliche Denkweise bei den Verantwortlichen in Partei und Staat früh erkannt werden. Der Klassenkampf zur Verhinderung der Machtergreifung der kleinbürgerlichen Bürokratie kann so erfolgreich geführt werden. Das ist ein wichtiger Fortschritt für den künftigen Aufbau des Sozialismus – im Vergleich mit der Situation in Russland 1917.

 

Werde Teil der Rebellion

 

Natürlich gibt es auch noch viele Widersprüche und Unterschiede in den Auffassungen zur Oktoberrevolution, so Stefan Engel einleitend auf dem Seminar zur Oktoberrevolution: „Das soll uns nicht schrecken, wenn wir nur verstehen, mit einer proletarischen, einer dialektischen Diskussions- und Streitkultur an die Probleme heranzugehen. Die aufgetretenen Fragen und Widersprüche werden uns helfen und animieren, den Dingen und Problemen noch mehr auf den Grund zu gehen und weitere Antworten und Lösungen für die Theorie und Praxis der Vorbereitung der internationalen sozialistischen Revolution zu finden.“

 

Die wichtigste Schlussfolgerung aus der Oktoberrevolution ist, selbst Teil der Rebellion zu werden bei der Vorbereitung der internationalen sozialistischen Revolution. Nur organisiert kann eine überlegene Kraft entstehen. In Deutschland stehen die MLPD und der Jugendverband REBELL für diese revolutionäre Perspektive. Deshalb – jetzt Mitglied werden.