Rote Fahne 25/2017

„24-Stunden-Streik“ – ein Zugeständnis an die IG-Metall-Basis

Zum ersten Mal soll bei der Metalltarifrunde 2018 der 24-Stunden-Streik in ausgewählten Betrieben durchgeführt werden. Diese Kampfform hatte der 23. Gewerkschaftstag im Jahr 2015 beschlossen

Von wb
„24-Stunden-Streik“ – ein Zugeständnis an die IG-Metall-Basis
Warnstreiks von zwei Stunden sind für die Gewerkschaftsbasis nicht das Ende der Fahnenstange (RF-Archivfoto, Siemens Krefeld 2006)

Die Metall-Unternehmerverbände bezeichnen das neue Arbeitskampfkonzept der IG Metall als „aberwitzig“ und beklagen den geplanten Einsatz dieses „Brachialmittels“. 1


Der Antrag dazu, den die zweitgrößte IG-Metall-Verwaltungsstelle Stuttgart an den Gewerkschaftstag gestellt hatte, war eine Reaktion auf den wachsenden Unmut und die Kritik der Gewerkschaftsbasis. „Die Gewerkschaft wird gar nicht mehr als Kampforganisation in der Öffentlichkeit und unter vielen Mitglieder wahrgenommen“ – so und ähnliche Diskussionen gibt es wahrscheinlich in fast allen Gremien der IG-Metall-Vertrauensleute in den Großbetrieben.
Es gibt immer weniger Mitglieder, die schon mal Streikerfahrungen gesammelt haben. Das kratzt auch am Selbstbewusstsein einer Gewerkschaft, die früher mit ihren Kämpfen „die Pflöcke gesetzt“ hatte für Gewerkschaften in anderen Branchen mit niedrigerem Organisationsgrad. Für den genannten Antrag gab es im Vorfeld des Gewerkschaftstages deshalb breite Zustimmung.


Allerdings war auch schon in der Begründung deutlich, dass für Teile der Gewerkschaftsfunktionäre der Tagesstreik „das höchste der Gefühle“ ist. Der „Erzwingungsstreik“, wie er im Antrag aus Stuttgart noch als dritte Stufe des Arbeitskampfkonzeptes enthalten ist, sei nicht mehr zeitgemäß. Allerdings nur vom Standpunkt des reformistischen Co-Managements. „Die eng verzahnte Liefer- bzw. Wertschöpfungskette ermöglicht uns heute jedoch bereits nach einigen Stunden oder Tagen, den wirtschaftlichen Druck auf die Arbeitgeber zu erhöhen“, heißt es dazu völlig richtig in einem Antrag der Verwaltungsstelle Koblenz.2


Die Arbeiter können und müssen die Anfälligkeit der Monopole durch die Internationalisierung der Produktion und Just-in-time-Fertigung offensiv ausnützen. Die Beschränkung auf Tagesstreiks kapituliert vor der Verschärfung des Kampfes zwischen der Arbeiterklasse und dem Monopolkapital – vor dem Hintergrund des internationalen Hauens und Stechens um Märkte, Einflusssphären und Eroberung einer weltmarktbeherrschenden Stellung. Stattdessen sollen die wichtigen Kampferfahrungen und die Politisierung der IG-Metaller vermieden werden, die der Einsatz der vollen gewerkschaftlichen Kampfkraft mit sich bringen würde.


So standen 1984 den Metallern und Druckern im siebenwöchigen Streik zur Durchsetzung der 35-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich, Regierung, Justiz und Konzerne gegenüber. 1987/88 wurde der selbständige Kampf der Krupp-Stahlarbeiter gegen die Schließung von Rheinhausen und 2004 der Kampf der Opelaner in Bochum zu Marksteinen des Übergangs in die Arbeiteroffensive. Es ist die Verbindung von ökonomischen und politischen Kämpfen, und ihre offensive Art, die es im besonderen Maße ermöglicht, solche Kämpfe als Schule des Klassenkampfs zu verwirklichen.


Die Auseinandersetzung darum ist auch ein Ansatzpunkt für die notwendige Diskussion und Initiative zur Durchsetzung eines allseitigen und vollständigen gesetzlichen Streikrechts. Denn das Gewohnheitsrecht auf gewerkschaftlich geführte, tarifliche Streiks reicht nicht aus, um unsere sozialen, ökologischen und politischen Rechte zu verteidigen und zu erweitern.