Rote Fahne 25/2017

„Die Mafia ist Teil des Finanzkapitalismus“

Die in Venedig lebende Krimi-Autorin Petra Reski hat sich durch mutige Enthüllungen über Mafia-Aktivitäten einen Namen gemacht. Ein Korrespondent der Roten Fahne hat sie dazu befragt

„Die Mafia ist Teil des Finanzkapitalismus“
Petra Reski, Bei aller Liebe (Foto: www.petrareski.com)

Rote Fahne: Frau Reski, in Ihrem dritten Krimi aus der Reihe mit der Staatsanwältin Serena Vitale, ermittelt diese in einem Netzwerk aus Politikern, Unternehmern, katholischer Kirche und Mafiosi. Diese nutzen die Flüchtlingskrise, um Millionen zu scheffeln. Inwieweit spiegeln sich in diesem Krimi ihre aktuellen Recherchen über die Mafia wider?


Petra Reski: Es gehört zum Kerngeschäft der Mafia, öffentliche Gelder in ihre Taschen umzuleiten. In Sizilien und Kalabrien gab es mehrere spektakuläre Fälle von Veruntreuung öffentlicher Gelder in großen Flüchtlingszentren – stets im Verbund mit der katholischen Kirche: Priester, die mit Mafiosi zusammenarbeiteten oder Priester, die ihre exponierte Stellung für die Vergabe von Aufenthaltsgenehmigungen nutzten, um Flüchtlinge zu missbrauchen.

 

Bei Ihrer kürzlichen Lesung auf dem Crime Cologne Festival sagten Sie, die heutigen Mafia-Bosse sind Teil des Finanzkapitalismus. Was meinen Sie damit?


Der Generalstaatsanwalt von Palermo verweist im nationalen Antimafia-Bericht auf eine Art „natürlicher Selektion“ innerhalb der Mafia-Organisationen, die im Wesentlichen drei verschiedene Arten hervorgebracht hat: die traditionelle Mafia; die marktwirtschaftlich orientierte Mafia (sie bietet beispielsweise Unternehmen an, günstig – und illegal – Giftmüll zu entsorgen); und die Mafia-Elite, die in den Schaltzentralen der Macht ein- und ausgeht – in Italien überdies meist im Verbund mit Freimaurerlogen. Die marktwirtschaftlich orientierte Mafia sei, so der Generalstaatsanwalt, von der Europäischen Gemeinschaft legitimiert worden, seitdem die EU 2014 bestimmt hat, zum Bruttoinlandsprodukt auch den Umsatz aus dem Drogenhandel und der Prostitution zu berechnen.

 

Die Bundesregierung gibt an, dass es 562 poli­zeibekannte Mafiosi in Deutschland gibt. Sie kritisieren, dass die Mafia relativ unbehelligt ihre Strukturen in verschiedenen Bundesländern unterhalten und weiter aufbauen kann. Wie ist das zu erklären?


Die Mafiabosse und ihre Strohmänner haben in den vergangenen 40 Jahren ihre freundschaftlichen Beziehungen zu Politikern und Entscheidern in Deutschland ausgebaut. Es fehlt auch an Informatio­nen über die Geschäfte der Mafia in Deutschland: Das Pressegesetz macht es den Bossen leicht, jeden Journalisten unverzüglich in Grund und Boden zu klagen.

 

Mich beeindruckt Ihr Mut, seit Jahren unbeirrt die kriminellen Machenschaften der Mafia zu enthüllen! Wie versucht die Mafia, Ihre Arbeit zu behindern?


Ich wurde bei Lesungen und vor Gericht bedroht. Ansonsten versucht man es über den juristischen Weg, indem man mich bei jeder sich bietenden Gelegenheit verklagt. Und wenn man – so wie mir geschehen im Fall des „Freitag“ – das Pech hat, auch noch vom Chefredakteur und Herausgeber fallengelassen zu werden, ist das natürlich eine Botschaft, die an alle Journalisten gehen soll: Lasst die Finger von der Mafia-Berichterstattung. Und wenn man dann – so wie ich – dazu noch auf 20 000 Euro Geldentschädigung verklagt werden soll, fragt man sich natürlich, ob das alles so normal ist in Deutschland.


Warum ist in den vergangenen Jahrzehnten niemals ein Clan-Mitglied der Superreichen Italiens von der Mafia entführt oder erpresst worden, zum Beispiel von den Agnellis (Fiat) oder Silvio Berlusconi?


In den 1970er-Jahren drohte die Mafia dem aufstrebenden Unternehmer Silvio Berlusconi mit der Entführung seines Sohnes Piersilvio – falls Berlusconi kein Schutzgeld zahlen sollte. Berlusconi zeigte diese Erpressung aber keineswegs an, sondern gedachte seines sizilianischen Freundes Marcello Dell’Utri. Dieser Freund, der später Berlusconis Partei Forza Italia gründete, und zum Senator ernannt wurde, sitzt jetzt als Gehilfe der Mafia in Haft. Dell’Utri ließ damals seine Verbindungen spielen – und erfuhr, dass ein Clan aus Catania Berlusconi bedrohte. Die Macht der Cosa Nostra liegt jedoch traditionell in den Händen der Familien aus Palermo – zu denen Marcello Dell’Utri beste Beziehungen pflegte. Deshalb kam es in Mailand zu mehreren Treffen zwischen Silvio Berlusconi, Marcello Dell’Utri und dem legendären Mafiaboss Stefano Bontade. Sie endeten zur Zufriedenheit aller Beteiligten mit der gegenseitigen Versicherung größter Disponibilität: Der Mafioso Vittorio Mangano zog als Garant für die Sicherheit der Familie Berlusconi in deren Villa in Arcore ein, offiziell als Stallmeister. Gemäß der Aussagen verschiedener abtrünniger Mafiosi investierte der Mafiaboss Stefano Bontade in jener Zeit beträchtliches Kapital der Mafia in Berlusconis Unternehmensgruppe –und wurde so zum Teilhaber der privaten Fernsehkänale der Fininvest-Gruppe.

 

Herzlichen Dank für das Gespräch!