Rote Fahne 02/2018

„Die Leute im Iran stellen die ganze Regierung infrage“

Die Rote Fahne sprach am 10. Januar mit Vria Aranan von der Kommunistischen Partei Iran (CPI) über die Entwicklung neuer Massenproteste in dem Land

„Die Leute im Iran stellen die ganze Regierung infrage“
Solidarität mit Massenkämpfen im Iran – hier in Hamburg, Foto: RF

Rote Fahne: Unsere Leser interessiert natürlich sehr die Entwicklung im Iran und ihre Hintergründe.

 

Vria Aranan: Ich begrüße ganz herzlich die Leserinnen und Leser der Roten Fahne. Seit etwa zwei Wochen gehen die Leute im Iran in Massen auf die Straße. Schon seit Monaten sind Menschen in kleineren Gruppen auf den Straßen. Oft waren es sogenannte „Malbachtagan“ – also Leute, die Wohnung, Arbeit und alles verloren haben.

 

Dass die Menschen in Massen auf die Straße kommen, das ist nicht neu. 1989 und 1999 haben auch ganz viele demonstriert. Neu ist jetzt, dass die Leute im Iran direkt das ganze Regime infrage stellen. Dass sie jetzt in Massen für sich selber sprechen, sich auch nicht verstecken, hinter keiner Partei oder keinem islamischen Flügel, sondern einfach nur von sich, von ihrer Situation sprechen und gegen das Regime handeln.

 

In den letzten Tagen geht es besonders um über 3000 Menschen, die bei den Protesten festgenommen worden sind. Zwei sind im Gefängnis durch Folter ums Leben gekommen, ein 13-jähriger Junge und ein junger Mann. Circa 50 Leute kamen insgesamt bei den Protesten schon ums Leben. Aktuell stehen viele Menschen in ihren Städten vor den Gefängnissen und wollen die Gefangenen wieder nach Hause bringen. Das Regime hat versucht, große Städte wie Teheran und insbesondere Kurdistan mit Militär zu besetzen. Nun sehen wir, dass in kleinen Städten viel mehr auf die Straße gehen als in großen Städten.

 

Welche sozialen Fragen und Anlässe gibt es?

 

Die Menschen wissen, dass der Iran ein reiches Land ist. Aber Millionen sind arbeitslos, haben keinen sicheren Job. Gleichzeitig sehen die Menschen, dass die Regierung die Gelder in den Jemen, nach Irak, Saudi-Arabien, Libanon und Palästina schickt, um terroristische Gruppen zu unterstützen und zu bewaffnen. Sie sehen auch, dass die Menschen ins Gefängnis kommen und gefoltert werden, wenn sie den Mund aufmachen. Bezogen auf die Zukunft hoffen sie nicht mehr: „Vielleicht wird es noch besser.“ Sie wissen ganz klar, dass es so nicht besser werden kann; deswegen handeln sie.

 

Die Leute protestieren auch dagegen, dass sich die islamistisch-faschistischen Führer und ihre „Revolutionsgarden“ Hunderte von Milliarden angeeignet haben …

 

Die Mullahs sind nur eine Maske – ideologisch nach außen. Das Handeln geschieht durch eine Organisation, die „Spahastaran“ heißt, die „islamische Kraft“, die von Anfang an Militär und Wirtschaft komplett in der Hand hat. Das ist die Großbourgeoisie.

 

Wie ist die Rolle der Arbeiterklasse?

 

Es gab immer wieder in vielen Fabriken Streikaufrufe, die werden auch befolgt. Es gibt sehr viele Gewerkschafter, Arbeiteraktivisten und -aktivistinnen, die eine große Rolle spielen, auch in den Massenprotesten. Die Arbeiterklasse ist jetzt ein Stück weit mit den Studenten, der Frauenbewegung, den Massen verschmolzen.

 

Es gibt eine Reihe unterschiedlicher Organisationen, die jetzt intensiver zusammenarbeiten. Wenn man sagt, man ist Marxist-Leninist, dann ist das ein Todesurteil. Aber trotzdem sangen bei der Beerdigung zweier vom Regime ermordeter Arbeiter Tausende die „Internationale“! Daran sieht man, dass die Arbeiteraktivisten natürlich Kommunisten, Sozialisten, Marxisten-Leninisten sind, auch wenn sie das nicht offen sagen können.

 

Welche Perspektiven der Bewegung siehst du?

 

Der Sturz der Regierung ist für uns nur eine Frage der Zeit. Und wir sind ziemlich sicher, dass die Masse auch so denkt. Es gibt sehr viele Grundvoraussetzungen, dass wir über Sozialismus sprechen können im Iran. Die Menschen, die auf die Straße kommen, sagen direkt „Kapitalismus ist scheiße“, „Wir wollen ein menschenwürdiges Leben“, „Wir wollen Lebensstandard, medizinische Versorgung …“. Das sind alles Sachen, von denen nur die Sozialisten sprechen. Die Chancen sind sehr günstig für eine sozialistische Richtung.

 

Was sagst du zur Rolle der Bundesregierung?

 

Ich habe keine Erwartung an diese Bundesregierung. Die sind selber Kapitalisten. Sie profitieren natürlich in Asien von solchen Verbrechen. Dadurch haben sie nie ein Problem mit dem Iran oder mit Erdogan. Man sollte sehr laut sagen: Deutsche Regierung, wenn du mit dem Iran handelst, bist du nicht meine Regierung!

 

Trump hat auch was zum Iran gesagt. Aber die Politik der US-Regierung war nie positiv für die Masse. Wir sehen im Irak, wir sehen in der ganzen Region, was die USA für die Menschen gemacht haben. Die Politik der USA haben bei den Massen im Iran keinen guten Namen.

 

Ihr ruft zur Solidarität mit den Protesten auf …

 

In fast allen europäischen Ländern und in vielen Städten Deutschlands hat es mehrmals Unterstützungsproteste gegeben. Solidarität ist jetzt wichtiger denn je.

 

Vielen Dank für das Interview und viel Erfolg!