Rote Fahne 02/2018

Wikipedia und der moderne Antikommunismus

In der Online-Enzyklopädie Wikipedia tobt ein ideologischer Kampf, der deutlich macht, wie sich in „basisdemokratischen“ Modellen die Macht der Herrschenden durchsetzt

Von jas
Wikipedia und der moderne Antikommunismus
Internet-Lexikon wikipedia – keinesfalls neutral. Foto: pixabay / CCO

In Deutschland war lange der Brockhaus die bekannteste Enzyklopädie. Auch in anderen Staaten wie der sozialistischen Sowjetunion wurden umfangreiche Enzyklopädien erarbeitet. Sie werden in der Regel von großen Verlagen herausgegeben und meist von anerkannten Wissenschaftlern verfasst. Anfang des 21. Jahrhunderts entstand die Internet-Enzyklopädie Wikipedia, mit knapp 40 Millionen Artikeln in fast 300 Sprachen. Ein Unterschied zu früheren gedruckten oder elektronischen Enzyklopädien ist, dass sie frei verfügbar, kostenlos und nicht von einem Verlag lizenziert sind. Alle Leser können an den Artikeln Änderungen vornehmen und auch neue Artikel vorschlagen. Die kollektive Arbeit an dieser Enzyklopädie ist zweifellos Ausdruck des Fortschritts der gesellschaftlichen Produktivkräfte. Erfunden wurde Wikipedia von Jimmy Wales, einem früheren Aktienhändler und Anhänger des bürgerlichen Liberalismus. Betrieben wird sie von der Wikimedia Foundation, einer Stiftung mit Sitz in den USA. Diese finanziert sich durch zahlreiche Einzelspenden, darunter aber auch Großspenden von großen Internetkonzernen wie Google.

 

Voraussetzung für die Mitarbeit ist, dass man sich an von den Wikipedia-Machern aufgestellte Grundsätze hält, von denen der wichtigste der „neutrale Standpunkt“ ist. Ein „neutraler Standpunkt“ ist allerdings aufgrund der in Gesellschaft, Politik, Wissenschaft und Kultur wirkenden Klassengegensätze eine Illusion. Karl Marx und Friedrich Engels haben das als wesentliches Element ihrer materialistischen Geschichtsauffassung herausgearbeitet: „Die Gedanken der herrschenden Klasse sind in jeder Epoche die herrschenden Gedanken, d. h. die Klasse, welche die herrschende materielle Macht der Gesellschaft ist, ist zugleich ihre herrschende geistige Macht.“1

 

Das scheindemokratische Prinzip der „Schwarmintelligenz“ von Wikipedia ist bei genauerer Betrachtung undemokratisch und geeignet, die Interessen der Herrschenden zu wahren sowie fortschrittliche bis revolutionäre Kräfte zu unterdrücken. Trotz demokratischen Anspruchs wird auf tausend Wegen von meist anonymen Nutzern die Staatsräson Antikommunismus durchgesetzt, was sich besonders am Eintrag zur MLPD zeigt. Damit wird das Engagement zur Sammlung des menschlichen Wissens durch Tausende Ehrenamtliche missbraucht. Ansehen und Gebrauchswert von Wikipedia werden ausgenutzt, um die Inhalte der unpopulären Hetzschriften – genannt Verfassungsschutzberichte – zu verbreiten. So gibt es in Deutschland neben anonymen auch registrierte Benutzer und sogenannte „Sichter“, die Änderungen von neuen Benutzern prüfen. Weitergehende Rechte haben die Administratoren, von denen es in Deutschland etwa 200 gibt. Sie können Seiten löschen und Benutzer sperren. Ein neunköpfiges Schiedsgericht soll in Streitfällen schlichten. Ende 2016 wurde bekannt, dass ein Funktionär der AfD Mitglied im Schiedsgericht ist. Bei Wikipedia wird hauptsächlich ­anonym gearbeitet, sodass man nicht weiß, wer für einen Artikel bzw. eine Änderung verantwortlich ist.   

 

Deshalb ist nur sehr schwer herauszufinden, wer welche Änderungen durchführt oder veranlasst bzw. welche Interessen damit unter Umständen zielgerichtet verfolgt werden.

 

Bezeichnend sind dafür sogenannte Edit Wars, also Änderungskriege. Dabei werden Änderungen immer wieder rückgängig gemacht bzw. überschrieben, sodass diejenigen Leute ihren Standpunkt durchsetzen, die am meisten Zeit dafür investieren können oder aber entsprechende Machtpositionen bei Wikipedia innehaben. Konzerne und staatliche Organe investieren in bezahlte Auftragsschreiber und stellen eigene Mitarbeiter dafür ab, ihren Standpunkte und ihre Interessen durchzusetzen.

 

Eine Methode zur Durchsetzung der Staatsräson Antikommunismus ist, sogenannte Politikwissenschaftler als Quellen anzuführen. Drei Namen, die dabei immer wieder auftauchen, sind Armin Pfahl-Traughber, Helmut Müller-Enbergs und Rudolf van Hüllen.2 Alle drei sind oder waren Geheimdienstleute. Ihre Aufgabe ist es, die herrschende antikommunistische Meinung über die MLPD festzuschreiben und über die Bundeszentrale für politische Bildung und andere Gremien als Lehrmeinung in Deutschland zu verbreiten.

 

Einige verleumderische Aussagen konnte die MLPD in einem Prozess 2013 untersagen lassen, andere wiederum wurden als angebliche Meinungsäußerung gerichtlich abgesegnet. In dem Prozess kam allerdings heraus, dass diese Meinungsäußerungen auf Verfassungsschutzberichten beruhen, die vor Gericht keine Beweiskraft haben. Der „neutrale Standpunkt“ auf Wikipedia über die MLPD beruht also auf Geheimdienst-Meinungen eines kapitalistischen Staates. Ein Nutzer, der bei den Änderungen am Wikipedia-Artikel zur MLPD besonders auffällt, ist Peter Wuttke, der unter dem Pseudonym atomiccocktail in Wikipedia aktiv ist. Er betreibt die Agentur „einfach machen“ in Hamburg, deren Spezialität es ist, gegen Bezahlung Wikipediaeinträge zu erstellen oder zu verändern. In Diskussionen wirft er gerne mit Begriffen wie dümmlich, Schwachsinn, Mist um sich. In seiner antikommunistischen Verbohrtheit verteidigte er die eindeutig falsche Angabe, Gabi Fechtner sei die Stieftochter von Stefan Engel, und drohte mit Sperrung der Nutzer, die dies geändert hatten. Gehört der Inlandsgeheimdienst „Verfassungsschutz“ auch zu seinen zahlenden Auftraggebern? Inzwischen hat sich die Wahrheit dank aufmerksamer, beharrlicher Nutzer durchgesetzt. Auch wenn der Ruf von Wikipedia als wissenschaftliche Quelle nicht sehr gut ist, allein schon weil sich die Artikel ständig ändern, ist es doch eine wesentliche Informationsquelle für die Masse der Internetnutzer. Bei jedem Begriff taucht der entsprechende Artikel unter den Top-10-Google-Einträgen auf. Man sollte Artikel bei Wikipedia deshalb immer kritisch hinterfragen, selbst zur Verbesserung von Artikeln beitragen und wachsam sein gegen antikommunistische, faschistische und reaktionäre Geschichtsfälschung.