Rote Fahne 03/2018

Das ist einfach nicht fair von dem Moos

Der Stadt Stuttgart kann man wirklich nicht vorwerfen, im Kampf gegen Feinstaub zu wenig zu tun

Von (wb/ha)
Das ist einfach nicht fair von dem Moos
Neugierige Stuttgarter Bürgerinnen und Bürger bestaunen die Mooswand – das neue Wahrzeichen Stuttgarts. Foto: RF

Mit Kleber auf dem Abschnitt der B14 am Neckartor hat die Stadt Stuttgart es versucht – leider erfolglos. Jetzt wird bei Feinstaubalarm die Straße nachts „gekärchert“. Wer kennt nicht diese Allzweckwaffe? Die findigen Schwaben der Fa. Kärcher haben flux eine große Straßenwaschmaschine entwickelt und ihre Dienste der Stadt (gegen Bares) angeboten. Und nachdem wegen Stuttgart 21  Teile der grünen Lunge, riesige alte Parkbäume, niedermetzelt wurden, spendierte die Stadt eine halbe Million für eine Mooswand.

 

Auf 100 Metern Länge und 300 Quadratmetern Fläche sollten das gemeine graue Zackenmützen- und das Hornzahnmoos unter erschwerten Bedingungen von täglich 80.000 vorbeischiebenden Autos zeigen, was sie können: den Feinstaub und die Stickoxide am Neckartor in Stuttgart herausfischen, auffressen und in Pflanzenmasse verwandeln.

 

Es wurde schon Moos gefunden, welches 1500 Jahre im antarktischen Permafrostboden überlebt hat und wieder ergrünte. Aber in der Stuttgarter Luft? Nach vier Monaten war es letzten Sommer braungebrutzelt, trotz Trinkschläuchen und Sonnenhut. „Das Moos stellt sich tot“, es sei in der „Trockenstarre“, hätte „hitzefrei“, so erklärten die Stadtbiologen die Sache. Im Herbst würde es wieder seinen Dienst tun. Aber das Moos ist hundsgemein – und hinterließ die traurige Nachricht: Ein Drittel ist definitiv abgestorben.

 

Das angebräunte Moos wurde inzwischen natürlich wieder ersetzt und Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) verkündet wacker, Stuttgart sei „auf gutem Wege“. 2017 hätte es nur 45 Tage mit Überschreitung des Grenzwertes von 50 Mikrogramm gegenüber 63 Tagen in 2016 gegeben. Dass das bekanntlich auch vom Wetter abhängt, beirrt Kuhn dabei nicht im geringsten.

 

Giftige Atemluft ist beileibe kein exklusives Stuttgarter Problem. Aus Verbrennungsmotoren kommen giftiges CO, CO2, NO, NOx, Schwefel, polyzyklische Kohlenwasserstoffe, Benzene, Formaldehyd, Feinstaub usw. Wenn den Dieselabgasen der Harnstoff Adblue zugesetzt wird, entsteht aus NOx  N2, aber die Feinstaubmenge steigt – ein verminderbares, aber unlösbares Problem. Alle Großstädte in Deutschland sind betroffen – die Megacities der Welt noch viel dramatischer. Weltweit gab es 2015 1,3 Milliarden Kraftfahrzeuge. Jährlich kommen 70 Millionen dazu.

 

Da ist der hektische Aktionismus der Stadt auf Kosten der Steuerzahler nur lächerlich und absurd. Feinstaub und Stickoxid bei der Entstehung einzudämmen, da müssten sich Kuhn und Kretschmann mit Daimler, Bosch und Porsche anlegen. Wirksame Sofortmaßnahmen wären: Nulltarif in Bus und Bahn mindestens bei Feinstaubalarm; Nachrüstung von SCR-Katalysatoren, beides auf Kosten der Konzernprofite. Begleitend dazu kommt keine Großstadt um Beschränkungen beim Autoverkehr herum. Die Bürgerinitiative Neckartor dazu: „13 Jahre ununterbrochene, gesetzeswidrige, behördlich geduldete und politisch geförderte Vergiftung aus dem Auspuff sind genug!“