Rote Fahne 05/2018

„Seit dem ersten Tag haben wir Solidarität erfahren“

Nur wenige Tage nach ihrer Haftentlassung am 19. Februar sprach die Rote Fahne mit der Nürnberger Ärztin Dr. Dilay Banu Büyükavci. Sie ist eine von fünf Angeklagten des Münchner Kommunistenprozesses, die aufgrund der überwältigenden Solidarität mittlerweile freikamen

„Seit dem ersten Tag haben wir Solidarität erfahren“
Dr. Dilay Banu Büyükavci

Rote Fahne: Herzlichen Glückwunsch zu deiner Freilassung! Wie geht es dir nach drei Jahren Untersuchungshaft?

 

Banu Büyükavci: Mir geht es gut. Aber fünf meiner Genossen sind weiterhin in Haft. So lange nicht alle frei sind, werde auch ich mich nicht wirklich frei fühlen.

 

Welche Rolle spielte für eure Haftentlassung die Solidarität?

 

Sie spielte sicher eine große Rolle – weil das ein politisches Verfahren ist. Letztlich kann man es nur auf der Straße gewinnen – durch eine große Öffentlichkeit. Für diese Solidarität sind wir sehr dankbar. Ich denke immer daran.

 

Siehst du einen Zusammenhang zur wachsenden Kritik an der Kumpanei der deutschen Regierung mit dem Erdogan-Regime?

 

Diese Kritik ist wichtig, aber noch zu wenig entwickelt. Von den revolutionären Kräften wird sie natürlich geführt, aber die Öffentlichkeit, die breite Masse, bekommt das noch wenig mit.

 

Was wirft die Staatsanwaltschaft euch überhaupt vor?

 

Sie beschuldigen uns, das Auslandskomitee der TKP/ML1 zu sein und damit der Mitgliedschaft in einer verbotenen „ausländischen terroristischen Vereinigung“.

 

Allerdings ist die TKP/ML weder in Deutschland verboten, noch steht sie auf irgendwelchen internationalen Terrorlisten. Nur die Türkei erklärt sie zur terroristischen Organisation.

 

Bei dem Paragrafen 129b, wegen dem wir angeklagt sind, geht es nicht um irgendwelche Aktivitäten in Deutschland, sondern nur um die Aktivitäten der TKP/ML in der Türkei.

 

Wie konntest du während der ganzen Zeit so unbeugsam bleiben – trotz Isolation, Drohungen und Erpressungen?

 

Wir wollen eine Welt des Friedens und der Freiheit schaffen – und ich zweifle nicht daran, dass wir das schaffen werden. Es gibt überall auf der Welt Menschen, die gegen die herrschende Unterdrückung Widerstand leisten. Daraus habe ich immer Hoffnung geschöpft.

 

Seit dem ersten Tag unserer Inhaftierung haben wir Solidarität erfahren. Ich habe auch Postkarten aus dem Himalaya-Gebirge erhalten. Und ich habe gesehen, wie Bilder von mir auf Demos getragen wurden. Das hat mich überwältigt. Vor allem viele Frauen haben mich unterstützt. Das alles hat mir sehr geholfen, unbeugsam zu bleiben – auch in der Zeit der Isolation.

 

Wie muss der Kampf für die Freilassung der fünf inhaftierten Genossen weiter­geführt werden?

 

Der Druck der Öffentlichkeit muss aufrechterhalten bleiben und er muss noch breiter werden, die verschiedensten Gesellschaftskreise erreichen.

 

Vielen Dank für das Interview!

 

Ich muss mich bedanken. Ich umarme euch alle. Vielen Dank für eure Unterstützung!