Rote Fahne 11/2018

Wenn Religion missbraucht wird

Das üble Spiel mit religiösen Differenzen und Gefühlen hat derzeit Hochkonjunktur

Von Anna Bartholomé
Wenn Religion missbraucht wird
Die Arbeiterbewegung fordert strikte Trennung von Kirche und Staat – NRW-Ministerpräsident Armin Laschet mit kirchlichem Würdenträger. Foto: Elke Wetzig_CC BY-SA 4.0

Der bayrische Ministerpräsident Markus Söder (CSU)  befiehlt, in öffentlichen Gebäuden Kreuze aufzuhängen. Bis hinauf zum Kardinal Reinhard Marx handelt er sich für solchen Missbrauch eines christlichen Symbols zu platten Wahlkampfzwecken entschiedenen Protest ein.

 

Die Landesregierung in Nordrhein-Westfalen (CDU und FDP) will ein Kopftuchverbot für Schulmädchen und stellt damit muslimische Familien ins Abseits. Sicherlich ist es bedenklich, wenn Kinder unters Kopftuch genötigt werden. Aber dem ist nur mit Aufklärung und geduldiger Überzeugungsarbeit beizukommen, nicht mit Verboten und Verordnungen. Warum soll es fortschrittlicher sein, wenn katholische Kommunionkinder im weißen Kleidchen zur „Braut Christi“ erklärt und schon mit der Erbsünde belastet zur Beichte geschickt werden?

 

In Ditib-Moscheen lassen vom türkischen Erdogan-Regime finanzierte muslimische Imame Kinder in Uniformen und mit Holzgewehren Krieg gegen den Befreiungskampf des kurdischen Volkes „spielen“ – bis dahin, sie unter übergroßen türkischen Fahnen den „Heldentod“ mimen zu lassen.

 

Auch berechtigte Proteste gegen den Antisemi­tismus werden bewusst verzerrt. Die Judenfeindlich­keit, wie sie über Jahrhunderte von christlichen Kirchen geprägt und vom Hitler-Faschismus auf eine millionenfache mörderische Spitze getrieben wurde, war in Deutschland lange tabu – und kriecht jetzt wieder ans Tageslicht. Genausowenig zu tolerieren ist es, wenn arabische oder muslimische Jugendliche „den Juden“ die Aggression des israelischen Staates in Palästina und Syrien anlasten. Aber zugleich wird jede Kritik am israelischen Staatsterror und die Solidarität mit dem palästinensischen Befreiungskampf als „Antisemitismus“ verunglimpft.

 

Dabei gibt es keineswegs eine Wiedergeburt der Religiosität in der breiten Bevölkerung – aber es wird die massive Wiedergeburt des staatlich gelenkten Missbrauchs von Religion und religiöser Gefühle betrieben – zur Abgrenzung, Spaltung, Diskriminierung Andersdenkender oder -glaubender. Das ist Teil psychologischer Kriegsvorbereitung. Dagegen stemmen sich auch engagierte Christinnen und Christen, wie zuletzt beim Katholikentag in Münster. Über weltanschauliche und religiöse Differenzen hinweg streiten Frauen, Männer und – besonders – viele Jugendliche  aller Religionen gemeinsam für Frieden und Völkerfreundschaft.

 

Die Arbeiterbewegung hat seit jeher die strikte Trennung von Kirche und Staat gefordert. Religion ist Privatsache und auch deshalb muss die Religionsfreiheit geschützt werden – wozu auch die Freiheit gehört, eine nicht-religiöse Überzeugungsarbeit zu leisten.

 

Es sind die elenden Lebensverhältnisse, die reli­giöse Menschen auf ein besseres Leben im Jenseits  hoffen lassen. Deshalb betonte Karl Marx: „Die Kritik der Religionen endet mit der Lehre, dass der Mensch das höchste Wesen für den Menschen sei, also mit dem kategorischen Imperativ1, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen sei.“ 2          

 

1 entschiedene Aufforderung

2 Marx/Engels, Werke, Bd. 1, S. 385