Rote Fahne 17/2018

„Die schädlichen Produktionsverhältnisse müssen verändert werden“

In der Zeitschrift Tarantel der Ökologischen Plattform bei der Partei „Die Linke“ erschien ein interessanter Diskussionsbeitrag von Prof. Dr. Dr. Götz Brandt und Marcus Otto zur Frage des „Wachstums der Produktion“. Hier Auszüge daraus:

Von Redaktion
„Die schädlichen Produktionsverhältnisse müssen verändert werden“
Weltweit haben die Massen den Umweltkampf aufgenommen – ein frühes Vorbild: Protest gegen zerstörerischen Goldbergbau in Cajamarca, Peru, 2011. Foto: RF

Unter uns Menschen wächst weltweit die Erkenntnis, dass der eingetretene Entwicklungspfad des Wachstums der Produktion schon lange ein Irrweg ist. … Wir wissen, dass bei anhaltender Verbrennung fossiler Organismen wenige Jahre reichen können, um die ersten Kipppunkte zu überschreiten. Es bleiben uns vielleicht gerade noch 20 Jahre, bis die irreversiblen Schmelzprozesse des Grönlandeisschildes, der Festlandgletscher und des Westantarktischen Eisschildes beginnen und große Landmassen und Küstenstädte untergehen werden. Wir wissen auch ganz gut, wann uns die billigen Rohstoffe ausgehen. Der Weltüberlastungstag wurde bereits überschritten. …


Für die LINKE stand bisher der Grundwiderspruch zwischen Lohnarbeit und Kapital im Fokus politischer Forderungen und Aktionen. Permanentes Wachstum der Produktion ist für viele Linke kein politisches Problem, solange die Ausgebeuteten einen gerechten Anteil vom Wohlstandskuchen abbekommen. Eigentlich könnten es jeder Genosse und jede Genossin besser wissen, hat doch Marx bereits darauf hingewiesen, dass das Kapital zwangsläufig Menschen und Natur zerstören wird (MEW, Bd. 23, S. 99 u. 528). Die schädlichen Produktionsverhältnisse, die derzeit das Leben der Menschen in Gegenwart und Zukunft zerstören, müssen verändert werden, um alternative, nachhaltige Lebenskonzepte für alle zu ermöglichen. …


In der Partei wächst an der Basis gerade der Unmut über die bisherige Schwerpunktsetzung in Wahlkämpfen, Verlautbarungen und Publikationen. In einem offenen Brief haben sich derzeit rund 500 Parteimitglieder, die Hälfte mit Mandat oder Funktion, an die Parteispitzen gewandt, den notwendigen Prozess hin zu einer Partei des aktiven sozialen und ökologischen Umbaus zu organisieren. Dies ist dort zwar bereits wahrgenommen worden, hat aber bisher kaum zu einer geänderten Strategie oder Kommunikation, geschweige denn zu Aktionen geführt, die der Pro­blemlage angemessenen wären. …


Alle an diesem Prozess Interessierten sind aufgerufen, sich lokal ebenso zu organisieren und sich besser zu vernetzen. …“


Eine sehr wichtige Diskussion, die zur Strategiediskussion in der linken Bewegung förmlich einlädt. Deshalb als Diskussionsbeitrag ein Auszug aus dem Buch „Katastrophenalarm! Was tun gegen die mutwillige Zerstörung der Einheit von Mensch und Natur?“ von Stefan Engel, langjähriger Vorsitzender der MLPD und heute Leiter der Redaktion ihres theoretischen Organs:

 
Der notwendige Paradigmenwechsel in der sozialistischen Gesellschaft


Erst die Aufhebung des Privateigentums an Produk­tions­mitteln und an der Natur ermöglicht die Überwindung der Anarchie der kapitalistischen Warenproduktion mit ihrem Zwang, ein ununterbrochenes Wachstum des Kapitals zu sichern und dazu die Ausbeutung von Mensch und Natur zu steigern. Erst die Aufhebung der am Tauschwert und am Profit ausgerichteten kapitalistischen Warenproduktion ermöglicht es, eine auf die Erzeugung von Gebrauchswerten und auf Lebensqualität ausgerichtete sozialistische Planwirtschaft zu schaffen. Dann erst kann die Menschheit zu einer bewussten Lebensweise über­gehen, können die materiellen und kulturellen Bedürfnisse der heutigen und zukünftigen Generatio­nen in Einheit mit der Natur verwirklicht werden. …

 
Die neue sozialistische Gesellschaft braucht angesichts der negativen Erfahrungen aus der kapitalistischen Produktions- und Konsumtionsweise einen gesamtgesellschaftlichen Paradigmenwechsel unter der Generallinie der Einheit von Mensch und Natur.


Bereits Marx schrieb über die menschlichen Bedürfnisse und ihre Befriedigung in einer sozialistischen Gesellschaftsordnung:


„Wir haben gesehn, welche Bedeutung unter der Voraussetzung des Sozialismus die Reichheit der menschlichen Bedürfnisse und daher sowohl eine neue Weise der Produktion als auch ein neuer Gegenstand der Produktion hat. Neue Bestätigung der menschlichen Wesenskraft und neue Bereicherung des menschlichen Wesens.“ (Marx/Engels, Werke, Bd. 40, S. 546)


Der Paradigmenwechsel in den Produktionsverhältnissen muss als Grundlage die kritisch-selbstkritische Prüfung haben, welche Produkte und welche Verfahren der Produktion und der Logistik überhaupt sinnvoll sind und welche aufgegeben oder radikal umgestellt werden müssen.

 

Der Paradigmenwechsel in den Konsumtionsverhältnissen zielt auf eine Verteilung im Respekt vor den Lebensbedürfnissen der gesamten Menschheit und im Einklang mit der Natur. …


Der Paradigmenwechsel in der Lebensweise beruht auf der Kritik am Ideal kleinbürgerlicher Lebensverhältnisse. …

 
Eine sozialistische Lebensweise ist eine kulturvolle, gesunde Lebensweise, die alle elementaren Lebensbedürfnisse sichert und weiterentwickelt und immer die dialektische Einheit von Individuum und Kollektiv, von Mensch und Natur, von Jung und Alt im Auge hat.


Der Paradigmenwechsel in der Denkweise hat ständige Förderung des sozialistischen/kommunistischen Bewusstseins zur Voraussetzung. …

 

Der gesamtgesellschaftliche Paradigmenwechsel wird zentraler Bestandteil des Klassenkampfs im Sozialismus sein, Grundlage der Überwindung sämtlicher Muttermale der alten Gesellschaft.

 

Seite 313–324