Rote Fahne 17/2018

Extremhitze und Unwetter – das ist erst der Anfang!

Eine so lange anhaltende Hitzewelle und Trockenperiode – mit monatelanger Dürre und unausweichlichen Unwettern ...

Von Hannes Stockert, umweltpolitischer Sprecher der MLPD
Extremhitze und Unwetter – das ist erst der Anfang!
Griechenland – nach dem Feuer. Foto: Alan E / CC BY 2.0

... hat es in Deutschland seit Beginn der Wetteraufzeichnungen nicht gegeben. In einigen Regionen der Welt spitzt sich diese Entwicklung zu zu regionalen Umweltkatastrophen. Das greift tief ein in das alltägliche Leben von Hunderten Millionen Menschen und die natürliche Umwelt. In Deutschland erleben wir braune Wiesenflächen, verdorrte Felder, tagelange Tropennächte, Fischsterben in Flüssen und Seen ... Die meisten Menschen sind darüber zu Recht besorgt, viele Landwirte sind wütend und fürchten um ihre Existenz.


Weite Teile der Nordhalbkugel der Erde sind durch eine Kette von Hochdruckgebieten mit monatelangen Hitzewellen betroffen. In Griechenland, Schweden, USA führten Waldbrände zu mehreren Hundert Toten. Zugleich kommt es zu schweren Überschwemmungskatastrophen. Die rasche Abfolge von „Jahrhundertsommern“ und Wärmerekordjahren, mit Hitze, Regenfluten und Überschwemmungen, sind keine Zufälligkeiten. Weltweit beginnt die Wetterdynamik, sich nachhaltig zu verändern. Der Jetstream, ein Band von Westwinden in den höheren Luftschichten der nördlichen Atmosphäre, verantwortlich für den Transport der Wettergebiete um die Erde, verlangsamt sich und wird kraftloser.


Bei Nachttemperaturen von 26 Grad Celsius und mehr in Großstädten kommt unser Organismus nicht mehr zur Ruhe. Hitzetote sind zu beklagen. Doch der gegenwärtige Hitzestress, unter dem viele Menschen, Tiere und Pflanzen leiden, ist nur eine Seite der Gefahr. Das gesamte System der Biosphäre erleidet langfristige, irreversible Schäden.


Doch die Propaganda bürgerlicher Politiker gaukelt vor: Die Gesellschaft oder gar die Natur könnten sich an die künftige Entwicklung „anpassen“. Das ist gefährliche Augenwischerei. Was wir hier erleben, sind Vorboten einer drohenden globalen Umweltkatastrophe – der Übergangsprozess dahin hat sich dramatisch beschleunigt. Daran kann man sich nicht anpassen. Sie muss bekämpft und verhindert werden. Sonst wird es kein menschliches Leben mehr geben auf dem Erdball.

 

Zerstörerische Wechselwirkungen

 

Internationale Wissenschaftler warnen seit Anfang August in einer gemeinsamen Studie vor einer „Heißzeit“ durch ein „dauerhaftes Supertreibhausklima“. Mit Bezug zum völlig unzureichenden Pariser Klimaabkommen führen sie aus, „dass eine von Menschen verursachte globale Erwärmung von 2°C andere Prozesse des Erdsystems anstoßen könnte. Diese wiederum könnten die Erwärmung weiter vorantreiben – selbst wenn wir aufhörten, Treibhausgase auszustoßen. … Manche Orte auf der Erde könnten unbewohnbar werden“1. Bereits heute ist diese Entwicklung eine Ursache dafür, dass über 68 Millionen Menschen auf der Welt aus ihrer Heimat fliehen müssen. Das wird ihnen jedoch von der EU und der Bundesregierung mit einer reaktionären Flüchtlingspolitik verweigert. Sie werden als „Wirtschaftsflüchtlinge“ diffamiert und bekämpft, brutal und menschenverachtend dem Ertrinken im Mittelmeer oder dem Verdursten in der Wüste überlassen. Trotz aller unmittelbaren drastischen Erfahrungen mit den Hitzefolgen – das Problem kann und darf nicht auf die Klimafrage und Veränderungen im Klimasystem reduziert werden. Es geht um weit mehr als Hitze, Dürre und einzelne Unwetterkatastrophen.


2014 hat die MLPD die Streitschrift „Katastrophenalarm! Was tun gegen die mutwillige Zerstörung der Einheit von Mensch und Natur?“ herausgegeben. Darin wird exakt das prognostiziert, was heute eintritt. Fundiert werden die derzeitigen Hauptfaktoren des Umschlags in eine globale Umweltkatastrophe herausgearbeitet:

 

– Zerstörung der Ozonschicht

– Beschleunigte Vernichtung der Wälder

– Heraufziehende Weltklimakatastrophe

– Deutliche Zunahme regionaler Umwelt­katastrophen

– Drohende Gefahr umkippender Weltmeere

– Zerstörung regionaler Ökosysteme und das Artensterben

– Rücksichtsloser Raubbau an den Naturstoffen

– Vermüllung, Vergiftung und Verschmutzung der Umwelt

– Unverantwortliche Nutzung der Atomenergie


Auch weitere Faktoren, die den Umschlag in eine globale Umweltkatastrophe beschleunigen, werden untersucht, wie


– Zerstörerische Abbaumethoden bei der Förderung fossiler Rohstoffe

– Mangel an sauberem Süßwasser

– Überausbeutung der Arbeitskraft und Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen.

 

Gerade in der Untersuchung ihres Zusammenwirkens wird treffend und stichhaltig die eigentliche und bestätigte Dramatik in der Entwicklung richtig bestimmt: „Jeder einzelne der Hauptfaktoren, …… hätte bereits existenzielle Folgen für die Menschheit, wenn er auf die dargestellte Weise und ungebremst weiterwirken kann. Doch zwischen den verschiedenen Hauptfaktoren besteht zusätzlich eine destruktive Wechselwirkung, die zu ihrer Verstärkung, ja teilweise Potenzierung führen muss. Berücksichtigt werden muss ferner eine Reihe von Rückkopplungen in der Natur, die bereits wirksam sind und die als Vorboten einer irreversiblen weltweiten Umweltkatastrophe betrachtet werden müssen. Sie sind  Produkte der globalen Umweltkrise und tragen andererseits zu ihrer Vertiefung bei.“2


Nur wer den Ernst der Lage in der ganzen Dimension begreift, wird auch konsequent handeln. Hitzeresistenteres Saatgut, höhere Deiche, Subventionen für kleine und mittlere Bauern – das sind alles durchaus nötige Sofortmaßnahmen. Doch der Kampf darum muss zur Schule und zum Organisator werden, dem Übel wirklich an die Wurzel zu gehen.


Überwindung der Geringschätzung der Umweltfrage


Klimatisierte Maschinen und Steuerungen, aber brütende Hitze am Arbeitsplatz, daran entzünden sich berechtigt vielfältige Auseinandersetzungen in den Betrieben. Viele Abteilungen kämpfen um Pausen, kostenlosen Sprudel, Ventilatoren … Völlig zu Recht. „Hitze“-Sorgen der anderen Art machen sich dagegen die internationalen Konzerne: um ihre Profite. So hat der Energiekonzern EnBW schon mal vorsorglich Ausnahmeanträge gestellt, um seine Kraftwerke weiter betreiben zu können, auch wenn die Wassertemperaturen von Rhein und Neckar die Grenze von 28 Grad überschreiten3. Doch sie sind es, die zu den skrupellosen Hauptverantwortlichen und Beschleunigern dieser dramatischen Entwicklung gehören: unter anderem mit dem Festhalten an der weiteren Verbrennung fossiler Energieträger, dem kriminellen Abgasbetrug, dem extraktiven Tagebau wie bei der Braunkohle, dem weiteren Bau und Betrieb von Atomkraftwerken usw. Sie setzen bewusst die Existenz der Menschheit aufs Spiel.


Diesen Konzernen ist mit dem – nur allzu berechtigten und notwendigen Einsatz – für bessere Arbeitsbedingungen nicht beizukommen. Kernfrage und Anforderung an die Arbeiterbewegung ist, die über hundert Jahre vorherrschende Verdrängung der Umweltfrage zu überwinden. Die von der reformistischen und rechten Gewerkschaftsbürokratie mitverbreitete Grundausrichtung, dass die „Arbeit Quelle allen Reichtums“ sei, nimmt auf den Schutz der Umwelt nur insofern Rücksicht, als es es dem eigenen Unternehmen noch gut dabei geht und „unsere Arbeitsplätze nicht gefährdet“ sind. Der heute notwendige Massenkampf für Arbeitsplätze und Umweltschutz kann sich nur im Bewusstsein entfalten, den Kampf gegen die Ausbeutung in den Betrieben aufs Engste zu verknüpfen mit dem Kampf gegen die Ausbeutung der Natur und gegen die drohende Umweltkatastrophe. Die Arbeiter müssen sich weltweit an die Spitze des Kampfs zur Rettung der Umwelt stellen.


Agrarplattform des Internationalistischen Bündnisses


Mit der Dürrekatastrophe in weiten Teilen Deutschlands sind viele Klein- und Mittelbauern in ihrer Existenz bedroht. Ernteausfälle bis zu 70 Prozent, Vieh-Notschlachtungen durch fehlendes Futter, allein 1,4 Milliarden Euro Schäden beim Getreide, die Versicherungen rechnen jetzt schon mit mindestens zwei Milliarden Euro Schäden. Soforthilfe wird ihnen von der Bundesregierung hartherzig verweigert. In der Weltwirtschafts- und Finanzkrise dagegen wurden innerhalb kürzester Zeit Hunderte Milliarden Euro lockergemacht, um die Großbanken, weil „sytemrelevant“, zu retten. Sind das die Klein- und Mittelbauern etwa nicht? Oh doch, denn gerade sie sind es, die den Schutz der Natur im Blick und Erfahrungen damit haben, die verstärkt ökologisch produzieren und gerne verbrauchernah direkt vermarkten. Stattdessen werden sie pauschal zu Mittätern abgestempelt, als „Klimakiller“ diffamiert. Für die Massentierhaltung, Monokulturen, massiven Pestizid-Einsatz usw. – mit all ihren Konsequenzen – sind aber in erster Linie die internationalen Agrarkonzerne, die Bundes- und EU-Regierung verantwortlich, die das massiv fördern und erzwingen. Sie sind es, die darauf nicht verzichten können, damit sie im internationalen Geschäft die Nase vorn haben.


Nur die Internationalistische Liste/MLPD forderte zur letzten Bundestagswahl: „Erzeugerpreise rauf – Verbraucherpreise runter!“ Diese wichtige aktuelle Forderung muss auf Kosten der Großagrarier, der Handels- und Nahrungsmittelkonzerne durchgesetzt werden. Doch der Übergang in eine globale Umweltkatastrophe stellt die gesamte Ernährungsgrundlage der Menschheit infrage. Die Perspektive der Landwirte kann daher ebenfalls nicht darin liegen, sich „auf den Klimawandel umzustellen“. Wie lange soll man darauf hoffen? Bis alles verbrannt und vergiftet und zu spät ist? Der Aufbau einer Agrarplattform im Internationalistischen Bündnis ist hervorragend geeignet, um den Zusammenschluss der Landwirte, ihrer Tages- und Zukunftsforderungen mit denen der Arbeiter-, Umwelt-, Frauen- und Jugendbewegung zu verbinden – im Kampf zum Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen – und um den gemeinsamen Kampf gegen den gemeinsamen Gegner zu organisieren.


Die Profitwirtschaft ins Visier nehmen


Der verschärfte imperialistische Konkurrenzkampf erhöht den Zwang zur forcierten Zerstörung natürlicher Ressourcen, der Ausbeutung von Mensch und Natur, dem Streichen von (bereits erkämpften) Umweltschutzauflagen usw. Das ist Bestandteil der Rechtsentwicklung imperialistischer Regierungen, vorneweg der Bundesregierung, die sich mal gerne als Musterschülerin in Sachen Klimaschutz in Szene setzte.


Sie betreibt eine Politik des Rollbacks in der Umweltpolitik, zum Beispiel gegen erneuerbare Energien. Des Weiteren setzt sie auch auf Maßnahmen, die die Umweltzerstörung brutal vorantreiben. So lässt sie ihre völlig unzureichenden Klimaschutzziele bis 2030 fallen. Kanzlerin Angela Merkel schaut eben nicht nur tatenlos zu, wie der Greenpeace-Experte für Klima, Johann Stoppel, meint4. Ihre sogenannte Umweltpolitik ist aktiv auf die Konkurrenzfähigkeit der deutschen internationalen Monopole – mit Vorliebe der Autokonzerne – ausgerichtet und Bestandteil ihrer drastischen Rechts­entwicklung. „Deutschland hat sich de facto vom Klimaschutz verabschiedet“, sagt der renommierte Klimaforscher Mojib Latif 5. Die Forderung nach Rücktritt dieser Bundesregierung und Neuwahlen ist auch umweltpolitisch dringend geboten.


Das 2016 gegründete Internationalistische Bündnis hat sich inzwischen erfolgreich erweitert. Mehr als 21 000 Menschen, 25 antifaschistische, klassenkämpferische, internationalistische, ökologische und revolutionäre Organisationen haben sich darin zusammengefunden. Der Aufbau, die Stärkung und die Zusammenarbeit seiner Umweltplattform, die Förderung des Aufbaus neuer Plattformen wie im Agrarbereich, muss zum Anliegen jedes umweltbewussten Menschen und zahlreicher Umweltorganisationen werden. Das Umweltbewusstsein der Massen hat sich als Bestandteil des fortschrittlichen Stimmungsumschwungs belebt. Die Massen wollen nicht in einer globalen Umweltkatastrophe untergehen. Sie ist auch kein unabwendbares Schicksal. Aber nur dann nicht, wenn die Dimension der Entwicklung nicht länger unterschätzt wird. Bewusstseinsbildung und Organisationsarbeit sind daher Trumpf!


Der jährliche Umweltkampftag der revolutionären Weltorganisation ICOR findet diesmal am 8. Dezember statt. Machen wir ihn zu einem wichtigen Kampftag im Aufbau einer kämpferischen Umweltbewegung, zur Rettung der Umwelt vor der Profitwirtschaft und gegen die Rechtsentwicklung der Regierung. Gewinnen wir besonders die Masse der Jugend dafür.


Es stimmt, wenn die Wissenschaftler, die vor einer „Heißzeit“ warnen, ebenfalls ausführen, „entscheidend“ sei jedoch, dass … „Maßnahmen auch durch grundlegende gesellschaftliche Veränderungen gestützt werden“6. Ein notwendiger gesamtgesellschaftlicher Paradigmenwechsel mit der Generallinie der Einheit von Mensch und Natur in der Produktions-, Konsumtions- und Lebensweise ist jedoch mit dem Kapitalismus und seiner Maxime der Profitmaximierung nicht zu machen. Das allein herrschende internationale Finanzkapital führt mit seiner Profitwirtschaft die Menschheit sehenden Auges in den Abgrund. Sich an ihre herrschenden kapitalistischen Verhältnisse anzupassen, ist eine tödliche Illusion. Das Buch „Katastrophenalarm!“ stellt daher klar: „Eine neue Qualität wird die Umweltbewegung dann gewinnen, wenn sie begreift, dass nicht nur die eine oder andere Umweltschutzmaßnahme durchzusetzen ist, sondern dass der Umweltkampf einen gesamtpolitischen, gesellschaftsverändernden, letztlich revolutionären Charakter bekommen muss.“ Dafür steht die MLPD in Wort und Tat. Für diesen Kampf und eine neue Qualität des Umweltbewusstseins organisiert sie schon heute in ihrer Kleinarbeit, mit ihrem Jugendverband REBELL, im Internationalistischen Bündnis eine Lebensschule des Paradigmenwechsels. Daran mitzuarbeiten ist ein kämpferischer und perspektivisch orientierter Einsatz für die Zukunft der Menschheit, für eine von der Ausbeutung von Mensch und Natur befreite – dem echten Sozialismus.

 

 

1 https://www.pik-potsdam.de/aktuelles/pressemitteilungen/auf-dem-weg-in-die-heisszeit-planet-koennte-kritische-schwelle-ueberschreiten

2 Stefan Engel, „Katastrophenalarm!“, S. 193

3 Spiegel-Online, 31. Juli 2018, 07:26 Uhr

4 https://www.greenpeace.de/themen/klimawandel/hausgemachte-hitzewelle

5 https://www.berliner-zeitung.de/wissen/mojib-latif-ueber-hitzewelle--wir-haben-eine-situation--die-es-so-noch-nie-gegeben-hat--31015514

6 https://www.pik-potsdam.de/aktuelles/pressemitteilungen/auf-dem-weg-in-die-heisszeit-planet-koennte-kritische-schwelle-ueberschreiten