Rote Fahne 21/2018

Welches Geld steckte hinter den westlichen Freiheitsrufen im Kalten Krieg?

Politische Subversion durch Geheimdienste gehört im Kapitalismus zum Alltag –

Von (dk)
Welches Geld steckte hinter den westlichen Freiheitsrufen im Kalten Krieg?
Der spätere SPD-Bundeskanzler Willy Brandt war schon vor dem II. Weltkrieg ein eingefleischter Antikommunist. Foto: Bundesarchiv, B 145 Bild-F048639-0005 / Wegmann, Ludwig / CC-BY-SA 3.0

man denke nur an den NSU und die vom Verfassungsschutz geführte NPD! An eine der spektakulärsten antikommunistischen Geheimdienstoperationen des Kalten Kriegs erinnerte eine SWR-2-Dokumentation am 18. Mai 20181

 

Im Juni 1950 tagte in Westberlin der sogenannte Kongress für kulturelle Freiheit. Vor 2500 Teilnehmern diskutierten 121 namhafte Intellektuelle aus westeuropäischen Ländern und den USA über die Möglichkeiten einer gemeinsamen antikommunistischen Aktion und den Kampf gegen die von Stalin geführte Sowjetunion. Kulturelle Freiheit, westliche Werte – das waren die Schlagworte, mit denen der Kapitalismus gegen den Sozialismus verteidigt werden sollte.

 

Damals war das sozialistische Lager entstanden, die Sowjetunion hatte sich durch den Sieg über den Faschismus im II. Weltkrieg als überlegene Kraft erwiesen. Die erfolgreiche Revolution in China 1949 hatte dem Imperialismus einen schweren Schlag versetzt. Mit militärischer Aufrüstung und atomaren Drohungen versuchten die USA, die fortschrittlichen Kräfte zurückzudrängen. Auch im weltanschaulichen Kampf gab es erhebliche Anstrengungen für ein „Roll back“. Das Berliner Treffen stach dabei hervor und führte zur Bildung des international auftretenden Kongresses für Kulturelle Freiheit (CCF – Congress for Cultural Freedom). Seine wichtigste Aktivität wurde die Herausgabe intellektuell anspruchsvoller Kulturzeitschriften, die das geistige Klima lenken sollten. Bereits seit 1948 erschien für Westdeutschland, dem „Bollwerk gegen den Sozialismus“, in hoher Auflage der „Monat“.2 Nun folgten für Frankreich die Zeitschrift „Preuves“, für Italien „Tempo Presente“, für Großbritannien „Encounter“.

 

Michael Hochgeschwender, Professor für nordamerikanische Kulturgeschichte und Experte für die SWR-Dokumentation, schrieb über Melvin Lasky, den führenden Kopf des CCF und den Verlauf des Berliner Kongresses: „Angesichts kommunistischer Propagandaerfolge durch Intellektuellenkonferenzen in Paris und New York, aber auch angesichts national-neutralistischer Strömungen gerade in Frankreich, Italien und Westdeutschland, wollten Lasky und seine Mitarbeiter ein öffentlichkeitswirksames Zeichen gegen den kommunistischen und neutralistischen Einfluß in Europa setzen. So kamen sie auf die Idee, eine Art ‚Weltparlament‘ liberaler Intellektueller einzuberufen … Rasch zeigte es sich, dass die anwesenden Politiker und Intellektuellen zwar allesamt antikommunistische Positionen vertraten, allerdings in ganz unterschiedlicher radikaler Form. Auf der einen Seite stand, angeführt von Koestler, Burnham und Franz Borkenau, eine Fraktion ehemaliger Stalinisten, die einen mitunter fanatischen Ton anschlug. Ihnen stellte sich eine Gruppe Moderater entgegen …“3 Da während des Kongresses der Koreakrieg begann, der als „kommunistische Aggression“ bezeichnet wurde, setzten sich die „Hardliner“ durch, die auch das „Manifest“ des Kongresses formulierten.

 

Prominente westdeutsche Mitglieder des CCF wurden Sozialdemokraten wie Willy Brandt und Carlo Schmid, Schriftsteller wie Siegfried Lenz und Heinrich Böll. „Spätestens ab 1955“, so Hochgeschwender, „verfocht der CCF eine Ideologie, die in der Forschung als Konsensliberalismus bezeichnet wird, eine Mischung aus Liberalismus, Pragmatismus, Keynesianismus4, Internationalismus und Kosmopolitismus.“ Die demagogische Gleichsetzung von Sozia­lismus und Faschismus als „totalitäre Systeme“, von Hitler und Stalin als „Diktatoren“, war die Quintessenz all dieser bürgerlichen Theorien.

 

Die Unterdrückung der kapitalistischen Kräfte durch die Diktatur des Proletariats im Sozialismus wurde gleichgesetzt mit der Unterdrückung der revolutionären Arbeiterbewegung durch den Faschismus. Beidem wurde der scheinbar über den Klassen stehende Begriff der „Freiheit“ entgegengehalten. Explizit richtete sich der CFF mit seinem Manifest gegen die von der Sowjetunion angeführte Weltfriedensbewegung, die mit dem 1950 verabschiedeten Stockholmer Appell zur Ächtung der Atomwaffen, den weltweit 500 Millionen unterschrieben, in die Offensive gegangen war.

 

1967 musste der CCF seine Tätigkeit allerdings einstellen – in US-Zeitschriften war enthüllt worden, dass er von Beginn an ein Kind des US-Geheimdiensts CIA gewesen und von diesem finanziert worden war. Damit waren alle sogenannten Freiheitskämpfer gründlich diskreditiert und als Gehilfen einer Organisation kenntlich gemacht, die sich gewöhnlich durch subversive Terrorakte, Regierungsumstürze und Spitzelaktivitäten hervortat! Entsetzt schrieb „Der Spiegel“ von der „größten CIA-Affäre seit der mißglückten Schweinebucht-Invasion im April 1961.5 Denn nun, nachdem der erste Zipfel des feingesponnenen geheimdienstlichen Subventionsnetzes gelüftet worden war, zerriß der ganze Schleier. Bisher wurden mehrere Dutzend private und halbprivate Organisationen, Firmen, Verbände und Vereine genannt, die über Scheinfirmen Geheimdienst-Dollars erhalten und transferiert hatten.“ (Nr. 10/1967)

 

Leider blieb die weltanschauliche Kontinuität des Kongresses zu den Autoren des heutigen modernen Antikommunismus in der Dokumentation unerwähnt, auch die zeitgleich 1950 erfolgte Aufdeckung der CIA-Subventionierung durch den DDR-Schriftsteller Stephan Hermlin. Entlarvt wurden aber die anrüchigen Mittel der Herrschenden im ideologischen Klassenkampf und die Käuflichkeit so mancher antikommunistischer „Demokraten“!           

 

 

1 „Der Kongress für Kulturelle Freiheit“, Text in der SWR-Mediathek abrufbar

2 Zur Geschichte des „Monat“ siehe: „Geheimdienste in den Medien – antikommunistische Tradition“, Rote Fahne 51/2009, S. 10

3 Melvin Lasky war ein US-amerikanischer Trotzkist, der in Nachkriegsdeutschland als Kulturoffizier der US-Armee eingesetzt wurde; der Schriftsteller Arthur Koestler und der Redakteur des „Monat“ Franz Borkenau waren ehemalige KPD-Mitglieder; der Philosoph und Soziologe James Burnham war in den USA zunächst führender Trotzkist, dann einer „der führenden Köpfe des amerikanischen Konservativismus“.

4 John Maynard Keynes war ein bürgerlicher Ökonom,
der zu staatlichen Eingriffen in das Wirtschaftsleben riet, um den Kapitalismus zu erhalten (Siehe REVOLUTIONÄRER WEG 19/79, S. 344 f.).

5 Ein Versuch, auf Kuba zu landen und die Regierung Fidel Castros zu stürzen