Rote Fahne 02/2019

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Digitalisierung: eine Welt in Zahlen?

Die Digitalisierung unter weltanschaulichem Aspekt betrachtet ...

Von (mgr)
Digitalisierung: eine Welt in Zahlen?
Zahlen beschreiben Quantitäten – mehr nicht

Zur Bedeutung der Digitalisierung schrieb der Spiegel 2015: „Es ist eine Umwälzung, lediglich vergleichbar mit der Industrialisierung des 19. Jahrhunderts – nur dass alles viel schneller geht. Wie der Wechsel von der Handarbeit zur maschinellen Produktion vor über hundert Jahren mehr hat entstehen lassen als bloß Fabriken, so verändert die Digitalisierung nicht bloß Branchen, sondern die Art, wie wir denken und wie wir leben.“1 Ähnlich beeindruckt zeigte sich Angela Merkel, als sie jüngst mehr Investitionen in die Digitalisierung forderte, denn davon hänge „unser künftiger Wohlstand ab“.2

 

Doch was ist Digitalisierung eigentlich? Sie ist die Darstellung von Prozessen der Produktion und der ganzen Gesellschaft in Zahlen, die von Computern rasend schnell verarbeitet und ausgetauscht werden können. Diese Methode stellt ein wichtiges Hilfsmittel dar, die menschliche Arbeit zu erleichtern und die Bedingungen für das schöpferische Arbeiten des Menschen zu verbessern. So ermöglichen das Internet und der Mobilfunk die internationale Kommunikation bis in den letzten Winkel der Erde – allerdings auch ihre fast vollständige Überwachung.

 

Der Digitalisierung aber ein unbegrenztes Potenzial zuzuschreiben, sitzt einer metaphysisch-idealistischen Illusion auf: nämlich, dass sich alle Gesetzmäßigkeiten in Zahlen abbilden ließen. Dazu schrieb Willi Dickhut, Mitbegründer der MLPD: „Die bürgerlichen Physiker und Mathematiker haben sich blenden lassen. Sie sahen immer nur die sprunghaft auftauchende Zahlengröße – Quantität. … Prozesse aber kennzeichnen die Qualität. … Quantitätsbestimmung ist notwendig, um die Materie zu konkretisieren, Dinge und Erscheinungen zu erfassen, zu messen, darin liegt die Bedeutung der Zahl. Qualitätsbestimmung ermöglicht aber erst, den ganzen, gewaltigen Entwicklungsprozeß der Natur zu erfassen. Und darum ist letztere die entscheidende Seite, das darf bei aller Bedeutung der Zahl, der Quantitäten, nie außer acht gelassen werden, denn in der Welt geht es dialektisch und nicht metaphysisch zu.“3

 

Die metaphysische Methode der Digitalisierung findet also ihre Grenzen, vor allem in besonders komplexen Bereichen, die ein dialektisches Herangehen erfordern. Das zeigt sich immer wieder bei der Einführung der Verwaltungssoftware SAP. So musste der Konzern LIDL nach sieben Jahren und einer halben Milliarde Euro an Kosten die Einführung von SAP als gescheitert erklären. Es gelang den Programmierern nicht, die Logistikanforderungen in umsatzstarken Ländern darin abzubilden. Ähnlich erging es der Deutschen Post 2016. Sie musste die Einführung eines Programms zur Optimierung der Geschäftsabläufe abblasen, weil das System extrem anfällig war.4

 

Bei allen technischen Fortschritten, die die Einführung der Digitalisierung ermöglicht, darf man sich nicht von den Allmachtsfantasien der IT-Riesen täuschen lassen. Bei allen Fortschritten geht es dabei weniger um eine grundlegende Umwälzung der Produktion oder gleich der ganzen Lebensweise, als vielmehr um Investitionsprogramme der Regierungen zur Subventionierung der Monopole bei Einführung und Ausbau dieser Systeme.      

 

1 Spiegel, Thomas Schulz 10/2015

2 zeit-online.de 14. 11. 18

3 Materialistische Dialektik, Willi Dickhut, 1987, S. 257

4 t3n.de, 2. 8. 2018