Rote Fahne 08/2022

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„Rammstein“: In welches Horn blasen die denn?

Till Lindemann, der 59-jährige Frontsänger der Band „Rammstein“, posiert für die Handykameras am Gleis 11 des Berliner Hauptbahnhofs. Dort kommen seit Tagen Züge mit ukrainischen Flüchtlingen an

Von Aschaffenburg (Korrespondenz)
„Rammstein“: In welches Horn blasen die denn?
Viel Schall und Rauch – Rammsteins aufgeblähte und verschwenderische Bühnenshows, Foto: swimfinfan / CC BY-SA 2.0

„Siehste, ist doch kein Rechter“, meint mein Kollege und schiebt trotzig die Unterlippe vor, während er mir die PR-Fotos auf dem Handy zeigt.

 

„Rammstein“ gilt als erfolgreichste deutsche und vor allem „provokanteste“ Band, besonders im Ausland. In Russland sowie in der Ukraine verfügt sie über eine große Fangemeinde, besonders auch unter rechten Organisationen. Bei Vorwürfen von Verherrlichung der NS-Zeit, Antisemitismus oder Sexismus winkt Lindemann nur arrogant ab. Sein Publikum könne man sich schließlich nicht aussuchen. Lindemann wuchs in der ehemaligen DDR auf und kokettiert damit, schon damals mit seiner Musik gegen die „SED-Diktatur“ rebelliert zu haben.

 

„Rammsteins“ aufwändig produzierte Musikvideos, seit Jahren durch hochrangige deutsche Regisseure und Filmproduzenten vermarktet, gelten in Teilen der bürgerlichen Künstlerszene als schick. Ihre „unbequemen“ Texte, martialischen Kostüme und „Stilelemente aus der NS-Zeit“ nennt man jetzt auch „Deutsche Militär-Ästhetik“. Das Lied „Deutschland“ war vor drei Jahren Gegenstand empörter bürgerlicher Kritiker. Trotzdem können seitdem einschlägige Faschisten auf Rammstein-Konzerten legal den Refrain „Deutschland, Deutschland über alles“ skandieren, ohne dafür belangt zu werden.

 

Gepflegte „Querfront“-Manier

 

Ihre vor mystischen Symbolen strotzenden Videos werfen wahllos alles aus vornehmlich deutscher Geschichte durcheinander. Da zechen und feiern Nazis einhellig mit SED-Funktionären unter einem Hammer-und-Sichel-Emblem, KZ-Häftlinge tauchen zeitgleich mit RAF-Terroristen auf, Kinder in Partisanen-Uniform ...

 

In gepflegt faschistischer „Querfront“-Manier wirft „Rammstein“ rechte und linke Symbole, revolutionäre und rückschrittliche Elemente in einen Topf und rühren mehrmals durch – wem nützt das Gebräu?

 

Pünktlich zum Kriegsbeginn in der Ukraine nun ein neues Video in gewohnt gewaltiger Bildsprache. Kriegspielende Kinder und stetig gebärende Frauen in einer riesigen Sanduhr. Die Zeit bleibt nicht stehen, lässt sich nicht zurückdrehen, alles bleibt im Nebel. Das Lied vermittelt ein Ohnmachtsgefühl, Kriege seien unvermeidlich, gab es schon immer und wird es immer geben (müssen). Gewöhnt euch dran …

 

„Rammstein“ ist Teil des dekadenten bürgerlichen Kulturbetriebs und hat kein Interesse daran, die tatsächlichen gesellschaftlichen Zusammenhänge zu entlarven, geschweige denn Klarheit zu schaffen. Sie begnügen sich in ihrer Rolle als hochbezahlte bürgerliche Marschmusikanten, die für Deutschland „ganz militärästhetisch“ ins Kriegshorn blasen.