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Kritische Auseinandersetzung zu Homeoffice angebracht!

Direkt nach der Öffnung wurden unter anderem in Magdeburg und in Dortmund Schulen und Betreuungseinrichtungen wieder geschlossen – wegen der ungehinderten Corona-Ausbreitung. Für viele Frauen hieß das, wieder Ad-hoc einzuspringen, Großeltern zu aktivieren, an ihrem Arbeitsplatz frei zu verlangen oder zu Hause zu arbeiten.

Von nek
Kritische Auseinandersetzung zu Homeoffice angebracht!
Illustration: shutterstock_1733521547

Eine Mutter von zwei Grundschulkindern berichtet aus Berlin, dass bei wieder geöffneten Schulen von vornherein Unterrichtsausfall bei verschiedenen Fächern herrscht und sie große Probleme beim Jonglieren zwischen der Betreuung der Kinder und ihrer Berufstätigkeit habe. Vor ein paar Wochen sei ihr Chef auch noch kulanter gewesen, inzwischen merke sie, dass ihre Position auf der Arbeit leide, weil man sie „ja nirgends fest einplanen könne“.

 

Diesem Problem will Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) mit einem Gesetz zum Recht auf Homeoffice begegnen und damit auch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbessern.

 

Tatsächlich wären viele Frauen froh, einen Teil ihrer Arbeit zu Hause machen zu können. Allein schon die langen Anfahrten zur Arbeit und zurück fressen dringend anderswo benötigte Zeit. Zusätzliche weitere Zeit wird gespart, weil das für viele Berufe notwendige Outfit zu Hause nicht gilt. Und natürlich vereinfacht es das Leben ganz enorm, wenn man nicht morgens um sieben mit den Kindern aus dem Haus rennen muss, um selbst rechtzeitig im Büro zu sein. Und da man in Corona-Zeiten nicht weiß, ob die Kinder am nächsten Tag noch in die Schule können, rettet Homeoffice sicherlich über viele Engpässe hinweg. Daher ist das Recht auf Homeoffice unbedingt zu begrüßen, das allerdings auch den notwendigen Arbeitsschutz und Schutz vor Abwälzung der betrieblichen Kosten beinhalten muss.

 

Es ist allerdings absurd und fast als zynisch zu bezeichnen, mit Homeoffice könnten die Frauen Familie und Beruf besser vereinbaren und damit gleichberechtigter sein. Das offenbart eine Vorstellung von „Gleichberechtigung“, die gar nicht infrage stellt, dass Frauen die Hauptlast der Aufgaben in der Produktion und Reproduktion des menschlichen Lebens tragen. Genau aber darum geht es: Die Mehrzahl der Frauen fordert heute, dass die Gesellschaft die Verantwortung für die nachfolgenden Generationen übernimmt, statt sie den einzelnen Familien aufzubürden. Damit fordern sie auch eine Gleichberechtigung der Kinder und Jugendlichen und dass deren Bildung nicht mehr von der sozialen Lage der Eltern abhängig ist. Diese Forderungen stellen in ihrer Konsequenz die bürgerliche Staats- und Familienordnung berechtigt infrage!

 

Das bürgerliche Krisenmanagemant zwingt dagegen die Familien, Unterrichts- und Betreuungsausfall auf lange Zeit hin zu kompensieren. Das ist auf keinen Fall hinnehmbar! Es müssen systematische Reihentests bei Kindern bis 14 Jahren, kleine Lerngruppen, neue Lernmethoden und neue Wege der Kinderbetreuung entwickelt und erkämpft werden.

 

Und Frauen sollten sich nicht unter dem Deckmantel „Gleichberechtigung“ und „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ vor die Interessen der Konzerne spannen lassen, die in Corona-Zeiten die Vorteile von Homeoffice neu bewerten. Auf dieses Problem weisen Stefan Engel und Monika Gärtner-Engel schon 1999 hin: „In der Vergangenheit ließen die Kapitalisten die Frauen eine Vorreiterrolle bei der Flexibilisierung der der Arbeitszeit, beim allgemeinen Lohnabbau und Abbau so genannter ‚beschäftigungshemmender Vorschriften‘ spielen. Die scheinheilige Berücksichtigung der Doppelbelastung von Frauen in Familie und Beruf wurde sogar zu einem hauptsächlichen Argument der Monopolpropaganda, um den Widerstand der Arbeiterklasse gegen die verschärfte Ausbeutung und Unterdrückung zu unterlaufen“.¹

 

Im Juni veröffentlichte die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) das Ergebnis einer Untersuchung mit dem Ergebnis: „Als Arbeitsort hat das Büro ausgedient“.² Mehr als die Hälfte der Jobs in Deutschland könnten danach grundsätzlich im Homeoffice ausgeübt, Arbeitsprozesse in kürzester Zeit digitalisiert, neue Kommunikationstools eingesetzt und digitale Kompetenz aufgebaut werden. Auch gäbe es Hinweise, dass Telearbeit die Produktivität steigere. Das bestätigt schon 2019 die Arbeitszeitforscherin Yvonne Lott: „Mütter im Homeoffice investieren drei Stunden mehr für die Kinderbetreuung und leisten zusätzlich noch eine Überstunde pro Woche“.³ Das Thema ist es wert, kritisch in der Frauenbewegung und auch innerhalb der Gewerkschaften diskutiert zu werden.